Politisches Wandern durch Wien: Happy Thursdays

13. Mai 2005, 13:48
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Ein Sammelsurium von Blitzlichtern über die Donnerstags-Demonstrationen

Nicht einmal die ausdauerndsten Regierungskritiker behaupten, dass die Koalition nichts zusammen gebracht hat. Zum Beispiel hat sie Bettina mit ihrem Freund zusammengebracht. Beide sind Regierungskritiker - sonst hätte sie sich nicht auf der Donnerstags-Demo in ihn verschauen ("mitten in der Menge ein strahlend blonder Kopf") und ihn einen Tag später bei einer Anti-Haider-Kundgebung kennenlernen können. Seither geht Bettina jeden Donnerstag mit ihm auf die Wiener Wandertage spazieren und sagt ganz unironisch "Danke Jörg".

Es sind persönliche Geschichten, Momentaufnahmen und Anekdoten wie diese, die die Dokumentation Wiener Wandertage ausmachen. Sei es der Arbeiter Franz Wagner, der erzählt, warum er die familiär-offene Atmosphäre auf den Demos so gern mag - "Wann kann man sonst ernsthaft mit einem Punk mit einem Irokesen-Schnitt, der wie ich Diabetiker ist, tratschen. Wär schade, wenn es das nimmer gäbe". Sei es der Musiker Albin Paulus, der die Donnerstagsdemonstration mit seinem Dudelsack begleitet und darüber sinniert, warum das Lied "Oh Du lieber Augstin, alles ist hin" zwar mehr Anti-ÖVP-FPÖ-Protest ausdrückt, die Pippi-Langstrumpf-Melodie "Drei mal Drei" aber beim Spaß- und Sponticharakter der Demos besser ankommt. Oder sei es der Student und "EU-Bürger", der glücklich berichtet, es in Wien zwar nicht zum Doktor oder gar Hofrat gebracht, aber immerhin einen Titel eingeheimst zu haben - "Gutmensch". Sie alle berichten von ihrer Demo: Komische Geschichten, spannende Geschichten, ernst gemeinte und ungewollt heitere Kampfanleitungen ("nie vom Handy telefonieren"), begeisterte Erlebnisaufsätze.

ÖVP-Klubchef Andreas Khol und andere blau-schwarze Architekten haben ihre Sicht der Wende in Büchern beschrieben - höchste Zeit, dem ein Buch über die Demonstranten gegen die Wende gegenüberzustellen. Fanden zumindest Frederick Baker, Regisseur des Films "Haider Show" und Journalist beim britischen Independent, und die Journalistin Elisabeth Boyer. Und haben auf über 500 Seiten Demogeschichterln (in Text- und Fotoform) und Essays von Franzobel, Paulus Hochgatterer und Elfriede Jelinek zusammengetragen, parlamentarische Anfragen und Debatten dokumentiert, Internet-Links dazugestellt, Demo-Kritiker wie eine FPÖ-Bezirksrätin oder Presse-Abendlandsretter Thomas Chorherr zu Wort kommen lassen und ungewollt Mitdemonstrierende wie Polizisten oder Straßenbahner befragt.

Das ergibt ein (im ungewöhnlichen Taschenbibel-Format schön produziertes) Sammelsurium von ephemeren Blitzlichtern - aber auch nicht mehr. Die Euphorie über die hektische Spannung der Februartage 2000 findet breiten Raum, die Reflexion über die Wirksamkeit des alldonnerstäglichen Demonstrierens schon viel weniger, die Schilderung der Genese von der aufgeregten, großen Spontandemo zur allwöchentlichen Routine des kleinen Häufchens, das hartnäckig "wir gehen, bis ihr geht" skandiert, gar keinen. Allerdings kann das jeder selbst ergänzen - immerhin gibt es am Buchschluss "Raum für Notizen". (Der Standard, Printausgabe, Eva Linsinger

Elisabeth Boyer/Frederick Baker
Wiener Wandertage
Eine Dokumentation. € 20,-
566 Seiten
Wieser Verlag, Klagenfurt 2002
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