Alte Wunden heilen nicht

3. März 2002, 22:10
posten

Veit Heinichens gelungener Krimi über die Macht der Geschichte

Proteo Laurenti, aus Süditalien zugewanderter Kripo-Chef von Triest, ist durchaus ein postmoderner Cop. Wie sein älterer italo-amerikanischer TV-Verwandter Columbo stolpert er durchs Leben. Er vergisst, wo sein Auto geparkt ist, hat pädagogische Probleme mit seinem fast erwachsenen Sohn und als ihn seine Frau vorübergehend verlässt, um sich über ihre Gefühle für einen Versicherungsagenten klar zu werden, schläft er zwischen übelriechenden Bergen von Pizzakartons, Dosen und Flaschen, die seine Wohnung zumüllen, pflegt seinen morgendlichen Kater und unternimmt einen vergeblichen Anlauf zu einem Seitensprung mit einer jugendlichen kroatischen Staatsanwältin. Eine solche Figur wird nicht für ein einziges Buch geschaffen und tatsächlich ist dies Veit Heinichens zweites Werk, in dem der triestinische Anti-Held die inzwischen wohlbekannte These beweist, dass das Ethos der Männlichkeit im Kriminalroman nicht mehr gefragt ist - Fortsetzung höchst wahrscheinlich.

Aber im Unterschied zu all den Kommissaren, die angesichts des heulenden Elends um sich herum traurig den Kopf schütteln, ihre Arbeit eher schlecht als recht abschließen und sich dann frustriert an die Bar setzen, zeichnet Laurenti eine für sein Metier ungewöhnliche Eigenschaft aus: Geschichtsbewusstsein. Wenn der eigenwillige Kommissar nach den Urhebern eines Sprengstoffanschlags forscht, der eine ganze Familie ausgelöscht hat, oder zu klären versucht, warum ein alter Mann im Karst auf einem Metallgerüst aufgespannt und dann mit einer Harpune erschossen wird, dann geht er nicht nur Mordfällen nach, sondern ermittelt in ungeklärten Ereignissen der Zeitgeschichte. Das Tableau eines solchen Romans ist Triest, das sich Österreichern, die glauben, "ihren" Hafen genau zu kennen, verfremdet präsentiert. Die weithin verbreitete Annahme, Triests Geschichte ende 1918, wird durch wenig bekannte, dafür aber umso schauerlichere Ereignisse der 40er Jahre eindrucksvoll entkräftet. Die foibe, tiefe Spalten im Karstgebirge, sind Grabstätten des Terrors, in denen jugoslawische Partisanen, zuvor auch schon italienische Faschisten und Nazis, politische Gegner und missliebige Bevölkerungsgruppen ohne Furcht vor baldiger Entdeckung verschwinden lassen konnten. Jahrzehntelang waren diese Vorkommnisse im Interesse gutnachbarschaftlicher Beziehungen zu Jugoslawien kein Thema öffentlicher Diskussion. Laurentis Recherchen entsprechen dem Zeitgeist; sein Interesse an den Geheimnissen der foibe fällt zusammen mit Günter Grass' Roman über das Flüchtlingsschiff Wilhelm Gustloff und den Auseinandersetzungen über die Benes-Dekrete. Gemeinsam ist diesen Diskussionen der Versuch, das Monopol der Rechtsradikalen auf diese Themen brechen.

Will der Kommissar aus dem Mezzogiorno die Mordfälle des Spätherbsts 2000 klären, muss er die verwirrenden Konstellationen der Kriegs-und Nachkriegszeit sowie des Kalten Krieges verstehen lernen. Der historische Krimi ist dafür das ideale Genre, vermag er doch Unbekanntes zu recherchieren und bekannt zu machen. Dabei erhält der Leser auch eine komplexe Interpretation des Schauplatzes Triest, der sich - fernab vom üblichen nostalgischen Schlummerdiskurs - schon seit dem 19. Jahrhundert als unruhiger, ethnisch zerrissener Kulturraum entpuppt.

Ganz nebenbei führt Heinichen, in den 90er Jahren erfolgreicher Berliner Verleger und seit einigen Jahren überzeugter Wahltriestiner, seinen Kommissar durch die gastronomischen Highlights der Stadt und ihres Umlands bis hin nach Istrien, erklärt die historischen Dimensionen von Cafés, Hotels und ganzen Straßenzügen. Ohne Besserwisserei - der Leser wird eingeladen, sich an der Enträtselung der Stadt zu beteiligen, wobei nur eines sicher ist: dass diese Rätsel nie vollständig gelöst sein werden.

Die Verknüpfung von Diskursen der Geschichte und des Krimi, die einander bedingen, dann aber wieder hinterfragen und manchmal gar aufheben; die Suche nach Wahrheit(en) im großen ethnischen Durcheinander; die Macht des Ideologischen; die Schlüsselfunktion des kulturellen Gedächtnissesa; die Qualitäten der Landweine in den Buschenschanken des Karsts: der kulturwissenschaftliche Krimi - hier ist er.

(Von Walter Grünzweig - DER STANDARD; Album, Sa./So., 2.3.2002)

Veit Heinichen, Die Toten vom Karst. EURO 20,50/364 Seiten. Zsolnay, Wien 2002.

Hinweis: Heinichen liest am 4. April an den Rauriser Literaturtagen, die dieses Jahr unter dem Motto "Kriminalliteratur" stehen. Informationen unter www.rauris.net/literaturtage

Share if you care.