Die "Fächersprache" und das Blutegel-Spiel

1. März 2002, 19:40
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Die "kaiserliche Erlebniswelt" - für Kinder und Jugendliche ab Juni in Schönbrunn

Wien - "Dass nur vier Prozent unserer Besucher Wiener sind, scheint daran zu liegen, dass bei vielen der erste Schönbrunn-Besuch mit der Schule ein Schlüsselerlebnis war", ist Schloss-Geschäftsführer Franz Sattlecker überzeugt. "So wie sie durch die Räume geschleppt und ihnen Fakten eingebleut wurden."

Diese schulischen Traumatisierungs-Karawanen sollen nun endgültig ein Ende haben - zumindest in Schönbrunn, wenn dort im Juni die "kaiserliche Erlebniswelt" im frisch sanierten Westflügel eröffnet wird. In der Kindern und Jugendlichen "die Alltagskultur des 18. Jahrhunderts mit all ihren Vor- und Nachteilen" präsentiert wird, wie Kogeschäftsführer Wolfgang Kippes ankündigt.

Zeitmaschine

Da werden die Kids durch eine "Zeitmaschine" zurückwandern, werden sich selbst dabei in historischen Szenen sehen: mitten im Kennedy-Besuch oder gemeinsam mit Franz Joseph, Sisi und dem Schah bei der Eröffnung der Weltausstellung. Oder mit dem kleinen Mozart-Wolferl bei Maria Theresia.

Derart angekommen, können sie dann Perücken frisieren und entlausen, werden sie damals gängige Mode probieren, lernen, wie man sie trägt und sich darin bewegt, den Hofknicks und die "Fächersprache" üben oder gar ausprobieren, wie man - nicht ganz echte - Blutegel ansetzt.

Dabei wird auf Hightech allerdings bewusst verzichtet, wie Sattlecker betont: "Wir haben genug Authentisches." Und die wiederhergestellten "Bergl-Zimmer" - benannt nach dem hier tätigen Interieurmaler - sind auch eine Pracht für sich. Im Übergang vom Garten zum Schloss spiegelt Wandmalerei die Sammelleidenschaft der Habsburger wider - Tiere und wuchernde Pflanzen, die von diversen Expeditionen mitgebracht worden waren, künstlerisch verarbeitet zu einer Dokumentation der historischen Gartenidee.

Schlechter Zustand in Nachkriegszeit

Dabei waren diese Räume "in der Nachkriegszeit in einen unbeschreiblichen Zustand geraten", wie die Wiener Landeskonservatorin Eva-Maria Höhle noch allzu gut weiß: Die britische Kommandantur hatte hier für ihre Telefonzentrale Safes und neue Türen in die Wände gestemmt, über die Malereien war mehrfach Leimfarbe gepinselt worden; Feuchtigkeit und der Zahn der Zeit taten dann ihr Übriges.

Jetzt erinnert nur noch ein dezentes "Fire Point"-Schriftstück an das Nachkriegsintermezzo. Für die Sanierung des Westflügels investierte die Schloss Schönbrunn-Gesellschaft 3,7 Millionen Euro und 1,1 Millionen für die Ausstattung. "Und das ausschließlich aus unseren eigenen Erträgen", Betont Kippes. (frei/DER STANDARD, Printausgabe 02.03.2002)

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