Die Wiener Höllentotengräber

1. März 2002, 19:26
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Klinisch: Das Ensemble Theater spielt O'Neills Einakter "Hughie"

Wien - Die US-amerikanische Hotellobby ist in Stücken von Eugene O'Neill, aber auch in manchen Roadmovies der Vorplatz der modernen Angst-Lust vor der Unstetheit des Lebens: eine Wartehalle zum Tode hin, ein Transitraum der verbotenen Lüste und der frustrierenden Schuld.

Auf dem abgetretenen Spannteppich harrt der Höllenfahrgast zur späten Stunde seiner baldigen Entsühnung. Nur der diensthabende Nachtportier kann ihm die anstehende Absolution erteilen. Tut er nicht: Lediglich der Geruch aufgetragener Socken mischt sich in das Aroma der Nacht. Ein Gähnen zerreißt die Stille. Die Hotelhalle ersetzt in dem O'Neill-Einakter Hughie die metaphysische Folterkammer: Das Leben zieht in Whiskey-Rauchfahnen angstzerflatternd vorüber.

Der kaum daumengroße Zocker "Erie" (Heinz Weixelbraun) flüchtet sich im Ensemble Theater am Petersplatz zudem in eine Reihe von angewinkelten Posen: ein dramatischer Höhenflug-Simulator. Er überfällt den armen, backenmahlenden Portier (Gunther W. Lämmert) mit zwei, drei Stimmlagen gleichzeitig, verfällt ins Tänzeln und Zärteln, ins Bitten, Augenkullern und Zagen. Die Hölle ist immer schon anwesend. Wie Sartre im Gärschlamm des alten Europa nach dem großen Anderen grub, wühlte Nobelpreisträger O'Neill im abgrundflachen Dünenflugsand der "Pax Americana" nach dem beleidigenden Gegenüber. Die Hölle sind stets die anderen: der Konkurrent am Spieltisch, der Kerl im Bett der eigenen Frau, der Buchmacher am Ring! An diesem waghalsigen Punkt, an dem das ganz große Leben im kleinen Elend gewagt werden könnte, begänne die Auseinandersetzung mit dieser theatergeschichtlichen Kleinigkeit.

Im Ensemble Theater regiert, zwischen rostfarbenen Wänden und mausetoten Zimmertopfpflanzen (Regie und Bühne: Dieter Haspel), die Gesinnung harthöriger Museumswärter, die zu sparsamen Sammy-Davis-Jr.-Einspielungen ihre lauen Gedankenströme in einen Zinkkübel gießen. So gibt es auch noch immer Steigerungen des Höllischen, im Jenseits wie hienieden: Es ist das klinisch Tote. Am Wiener Petersplatz.


(DER STANDARD, Print, Sa./So., 2.3./3.3.2002)

Ronald Pohl
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