Schweden und Finnland: Blick auf Moskau

1. März 2002, 19:20
posten

Die Neutralität dieser Länder ist eher mit der österreichischen zu vergleichen als mit der schweizerischen

Stockholm/Helsinki/Wien - Die Neutralitätspolitik Schwedens und Finnlands ist in ihrer Entstehungsgeschichte eher mit jener Österreichs als mit der schweizerischen vergleichbar: Sie wurde aus den Erfahrungen mit der Großmacht Russland geboren. Im Fall Schwedens bereits im Jahr 1814, im Fall Finnlands nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Finnen verteidigten ihre Unabhängigkeit gegenüber der Sowjetunion im Winterkrieg 1939/40 und im Fortsetzungskrieg bis 1943 unter hohem Blutzoll und bei schmerz- lichen Gebietsverlusten. Der Freundschaftsvertrag mit der UdSSR von 1948 prägte das Wort von der "Finnlandisierung", das auf westlicher Seite zu einem Kampfbegriff im Kalten Krieg wurde. 1990 erklärte Finnland die souveränitätseinschränkenden Bestimmungen des Freundschaftsvertrags für ungültig. Heute, da das Verhältnis zu Russland besser ist als jemals zuvor, gibt es einen breiten Konsens darüber, dass ein Beitritt zur Nato nicht zur Debatte steht. Offiziell betrachtet sich Finnland nicht als neutral, sondern als bündnisfrei. Eine Neubewertung der Sicherheitspolitik soll 2004 erfolgen.

Schweden hat seine traditionelle Neutralität vor wenigen Wochen praktisch aufgegeben. Die regierenden Sozialdemokraten einigten sich mit Konservativen, Zentrumspartei und Christdemokraten auf eine neue Sicherheitsdoktrin. Darin wird die Neutralität nur noch als eine Möglichkeit (bisher: deklariertes Ziel) bei einem bewaffneten Konflikt in der Nachbarschaft bezeichnet. Zugleich bekennt sich Schweden weiter als bündnisfrei - mit Präferenz für ein kollektives Sicherheitssystem. (DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.3.2002)

von Josef Kirchengast
Share if you care.