Weltkunst statt Binding-Bier

1. März 2002, 19:14
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Das Wiener Büro "Kühn Malvezzi" gestaltet die Documenta 11

Kassel - Die Documenta 11 wird, was die Ausstellungsfläche betrifft, die bisher umfangreichste. Vom 8. Juni bis zum 15. September wird neben der Kunsthalle Fridericianum, der Karlsaue, der Documenta-Halle und dem Kulturbahnhof auch die ehemalige Binding-Brauerei den etwa 100 geladenen Künstlern zur Verfügung stehen.

Im denkmalgeschützten, 1897 errichteten Industriebau sollen nach "minimalen Eingriffen in die Bausubstanz" gut 6000 Quadratmeter zusätzliche Präsentationsfläche untergebracht werden. Die deutsch-italienische Architektengemeinschaft mit Sitz in Wien, Kühn Malvezzi, entwickelt das nötige "flexible Rastersystem", das die unterschiedlichen Raumfolgen miteinander verbindet.

Das Büro von Wilfried und Johannes Kühn und Simona Malvezzi wurde im letzten Jahr in Wien gegründet. Neben der Documenta arbeiten Kühn Malvezzi derzeit am Umbau des Eingangsbereichs zum Wiener Akademietheater und entwickeln ein neues Foyer und Leitsystem für das Schauspiel Hannover. Für das renommierte Festival "Theaterformen 2002" in Braunschweig und Hannover plant das Architekturbüro die Festivalzentren.

Gerade erst fertig gestellt wurden das Foyer der Frankfurter Schirn Kunsthalle und die Architektur zur Ausstellung Die Visionen des Arnold Schönberg. In Wien haben Kühn Malvezzi die Räume der Galerie Gabriele Senn und den Umbau des ehemaligen Trabant zur Kafe Bar, beide in der Schleifmühlgasse, realisiert.

Mit der weiteren Ausdehnung der Documenta verfolgt deren künstlerischer Leiter Okwui Enwezor das Ziel, die Stadt selbst stärker als bisher mit einzubeziehen. Nicht mehr ausschließlich das historische Zentrum soll als Folie der Weltkunstschau dienen. Mit der Möglichkeit, die erst vor zwei Jahren stillgelegte Binding-Brauerei zu nutzen, sollen auch die Stadt selbst und ihre Rolle als Veranstalter thematisiert werden. Enwezor hofft damit "die Konstellationen und Diskurse zeitgenössischer Ausstellungspolitik für neue Ansätze und Formationen zu öffnen".

Harald Szeemann hat mit der Erweiterung der Fläche der Biennale von Venedig letztlich nur Kondition und Aufnahmevermögen der Besucher strapaziert.


(mm - DER STANDARD, Print, Sa./So., 2.3./3.3.2002)

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