"Autos werden nicht billiger"

1. März 2002, 18:44
posten

EU-Darstellung als "unseriös" kritisiert - Autohersteller überlegen Einheitspreise

Wien/Ingolstadt - Die Behauptung der EU-Kommission, Autos würden mit der Ende 2002 anstehenden Neuregelung des Neuwagenvertriebs (GVO neu, Anm.) billiger, sei unseriös, sagt der scheidende Audi-Chef Franz-Josef Paefgen. Für Länder, in denen die Hersteller ihre Nettopreise wegen hoher Steuern künstlich niedrig hielten, werde das Gegenteil der Fall sein. Derartiges lässt aufhorchen: So deutlich hat sich ein Spitzenmann der Industrie noch nie aus der Fahrertür gelehnt.

Spannend ist der Paefgen-Auftritt auch deshalb, weil Audi eine Tochter des größten europäischen Automobilherstellers, des VW-Konzerns, ist. Für Branchenkenner ist eine Chronologie der schärfer werdenden Töne zu erkennen, die möglicherweise Ausdruck einer abgestimmten Eskalationspolitik gegen Brüssel in Sachen GVO (Gruppenfreiststellungsverordnung) ist.

Eskalation

Im April 2001 hatte VW-Vertriebsvorstand Robert Büchelhofer erstmals die Einführung europaweit einheitlicher Werksabgabepreise angedacht. Dann nämlich, wenn Brüssel die gewachsenen Strukturen radikal ausheble und so etwa Großhandelsketten ermögliche, in Dänemark billig gekaufte Autokontingente anderswo anzubieten.

Zuletzt bezeichnete Audi-Vertriebschef Georg Flandorfer den GVO-Entwurf als die "dümmste Idee, die je aus Brüssel kam". Er bringe, entgegen der Behauptung von Kommissar Mario Monti, weder dem Kunden noch dem Hersteller noch dem Händler was. Und nun Paefgen. Logisch, man werde mit Brüssel über die GVO reden, aber die geweckte Erwartung, Preise würden sich "auch nur nennenswert nach unten bewegen, ist falsch." Dies verunsichere Konsumenten lediglich.

Zum Verständnis: Die von Brüssel inkriminierten Preisunterschiede erklären sich großteils aus der jeweiligen Steuergesetzgebung. So verrechnen etwa in Dänemark praktisch alle Hersteller niedrigere Werksabgabepreise. Nun könnten die Kunden die Zeche und also viel teurere Autos bezahlen, betroffen sind neben Dänemark Finnland, Irland, Griechenland und Portugal - zusammen machen die fünf 3,5 Prozent des Gesamtmarkts in Europa aus.

Teure Harmonisierung

Laut Paefgen verzichten alle Hersteller in diesen Ländern derzeit auf einen Teil des Ergebnisses. "Wenn wir, was wir bereits gestartet haben, die Harmonisierung der Preise europaweit machen, läuft das im Zweifelsfall darauf hinaus, dass dort Autos um ein Vielfaches teurer werden."

Experten zufolge ziele der GVO-Entwurf letztlich auf eine Steuerharmonisierung in Europa ab. Ein Insider mahnt, hier werde unseriös Politik gemacht. "Das Auto muss wieder einmal für politische Argumentation herhalten." (Andreas Stockinger, DER STANDARD, Printausgabe 2.3.2002)

Share if you care.