Einmischung der Gefühle

1. März 2002, 13:19
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Hanslicks "Vom Musikalisch-Schönen"
Teil 21 von Wolfgang Fuhrmann

Hanslicks Buch ,Vom Musikalisch-Schönen', wofür Sahr schwärmt, wollte ich lesen, fand aber gleich beim Durchsehen so viel Dummes, daß ich's ließ." Charakteristisch unverblümt hat Johannes Brahms in einem Brief an Clara Schumann ausgesprochen, dass er sich nicht gerade als Adressat einer Schrift fühlte, die in der Geschichte der Musikästhetik Epoche gemacht hat wie keine zweite und bis ins 20. Jahrhundert erbitterte Polemik provozierte.

Tatsächlich ist Eduard Hanslicks Streitschrift, von der es oft heißt, sie sei gegen Wagner und Liszt, pro Brahms geschrieben, das Werk eines jungen Ministerialbeamten, der im Erscheinungsjahr 1854 über Brahms nicht viel mehr gewusst haben dürfte, als Robert Schumanns Artikel "Neue Bahnen" im Vorjahr zu entnehmen war, und Wagners Werk nur bis zum "Lohengrin" kennen konnte. Man liest das Buch am besten als das, was der Untertitel verspricht: einen "Beitrag zur Revision der Ästhetik der Tonkunst", die Hanslick als wissenschaftliche Disziplin vorschwebte. In einem Satz gesagt: Hanslick will die Musikästhetik wegführen von der stereotyp wiederholten Behauptung, die Musik habe Gefühle darzustellen beziehungsweise zu erregen, hin zu einer Untersuchung der "specifisch musikalischen" Formbildungen, in denen allein das Musikalisch-Schöne zu finden sei.

Im Vorwort zur vierten Auflage hat 1873 Hanslick noch einmal seine Ansichten zusammengefasst: Er habe nie gegen "das Gefühl" an sich polemisiert, sondern "nur gegen die falsche Einmischung der Gefühle in die Wissenschaft", wo sie nichts zu suchen hätten. "Die Rose duftet, aber ihr ,Inhalt' ist doch nicht ,die Darstellung des Duftes'; der Wald verbreitet schattige Kühle, allein er stellt doch nicht ,das Gefühl schattiger Kühle' dar." Wenn man diese Beispiele Hanslicks genau durchdenkt, wird klar, dass er sich in der Tat gegen einen ästhetischen Sprachgebrauch wendet: Es geht ihm darum, dass der Musik etwas "Außermusikalisches" (als das er Gefühle auffasst) zur "Darstellung" aufgedrängt wird, um das alte Schema von Form und Inhalt, Darstellung und Gegenstand anwenden zu können. Stattdessen wäre nach Hanslicks Denkform das Gefühl gewissermaßen ein Nebenprodukt der musikalischen Verhältnisse, unabsichtlich, aber bezaubernd wie der Duft der Rose oder der Schatten des Waldes. Freilich ist Hanslick in seiner Polemik gegen die "verrottete Gefühlsästhetik" weit, sehr weit gegangen, sodass manchmal tatsächlich der Eindruck entsteht, er wolle die "absolute Gefühllosigkeit der Musik" unter Beweis stellen, wie es ihm seine Gegner vorwarfen. Aber Hanslicks Argumente, mögen sie auch manchmal einem Kunstgriff verdächtig ähneln, stellen bis heute ein Arsenal gegen alle voreilig-schwärmerischen Behauptungen dar: Wenn Musik Gefühle darstellt, welche konkreten, benennbaren Gefühle stellt dann etwa Beethovens "Prometheus"-Ouvertüre dar? Wie können überhaupt Gefühle, die doch immer konkrete Gefühle in Bezug auf etwas oder jemanden sind, in der textlosen Instrumentalmusik dargestellt werden? Warum urteilen verschiedene Personen verschieden über den Gefühlsgehalt einer Musik, warum werden wir in gewissen Augenblicken und Stimmungen von einem Tonstück mächtig berührt, ein anderes Mal kalt gelassen?

Bis heute kommt keine Theorie des musikalischen Ausdrucks darum herum, sich mit Hanslicks Argumenten auseinanderzusetzen. Aber trotzdem: Es hieße Hanslick misszuverstehen, wenn man ihm unterstellt, er wolle die Musik, ihre Interpretation und ihre Wahrnehmung von allem Gefühl reinigen. Er hat es selbst so formuliert: "Die starken Gefühle selbst, welche Musik aus ihrem Schlummer wachsingt, und all' die süßen, wie schmerzlichen Stimmungen, in die sie uns Halbträumende einlullt, wir möchten sie nicht um Alles unterschätzen . . . Nur gegen die unwissenschaftliche Verwerthung dieser Thatsachen für ästhetische Principien legen wir Verwahrung ein." Das ist die eine, die negative Seite dieser Untersuchung. Die andere, positive lautet nach Hanslicks Zusammenfassung im Vorwort von 1873 schlicht: "Die Schönheit eines Tonstücks ist specifisch musikalisch, d. h. den Tonverbindungen ohne Bezug auf einen fremden, außermusikalischen Gedankenkreis innewohnend." Im bekanntesten, zugleich aber auch am häufigsten missverstandenen Satz aus Hanslicks Schrift wird das so formuliert: "Tönend bewegte Formen sind einzig und allein Inhalt und Gegenstand der Musik." (Diese offensichtliche Paradoxie hat Hanslick später wenig erfolgreich zu klären versucht in der neuen Formulierung: "Der Inhalt der Musik sind tönend bewegte Formen.") Das ist oft mit dem unklaren Schimpfwort des "Formalismus" belegt worden, obwohl Hanslick sehr poetisch dieses "specifisch Musikalische" verdeutlicht hat: "Die sinnvollen Beziehungen in sich reizvoller Klänge, ihr Zusammenstimmen und Widerstreben, ihr Fliehen und sich Erreichen, ihr Aufschwingen und Ersterben, - dies ist, was in freien Formen vor unser geistiges Anschauen tritt und als schön gefällt."

Hanslick versuchte das Autonomieideal der klassischen Ästhetik, die Zweckmäßigkeit ohne Zweck, auf den Bereich der Musik zu übertragen und damit zugleich das musikalische Kunstwerk, das "Tonstück", als Gegenstand der Ästhetik aufzuwerten. Es verwundert aber nicht, dass Hanslick nähere Aussagen über das Musikalisch-Schöne nicht trifft, im Gegenteil alle materialen Bestimmungen - etwa durch die mathematischen Grundlagen der musikalischen Konsonanzen oder durch den Symmetriebegriff - ablehnt. So kreist das Buch im Grunde um ein leeres Zentrum: Hanslick sagt nur, dass das Musikalisch-Schöne im "specifisch Musikalischen" zu finden sei, aber nicht, worin sich ein schönes von einem schlechten, hässlichen oder banalen, Musikstück unterscheidet. In seinen Memoiren Aus meinem Leben gab Hanslick dieses Problem selbst zu: "Wie ist in der Musik beseelte Form von leerer Form wissenschaftlich zu unterscheiden? Ich hatte die erstere im Auge, meine Gegner warfen mir die letztere vor." Zugleich weist der merkwürdig präkantianische "Objektivismus", der dem Schönen eine vom wahrnehmenden Subjekt unabhängige Existenz zubilligt, auf Hanslicks geistige Wurzeln in der anti-idealistischen österreichischen Philosophie des 19. Jahrhunderts.

Seinem Autor verschaffte das Buch 1861 - durch die Anerkennung als Habilitationsschrift - die erste Professur für Geschichte und Ästhetik der Musik an der Universität Wien (als Beamter des Unterrichtsministeriums, dem damals auch die Universität unterstellt war, hatte Hanslick tatkräftig an dieser erstaunlichen Innovation mitgewirkt). Dabei hat er sich bald von der Ästhetik, die ihn ermüdete, abgewandt: "Je mehr ich mich in historisches Musikstudium vertiefte, desto vager, luftiger zerflatterte die abstrakte Musikästhetik, fast wie eine Luftspiegelung, vor meinen Augen." Im Studium der Geschichte der Musik fand er hingegen "eine Rettung und einen unerschöpflichen Genuß". Darin, und in einer unermüdlich und verantwortungsbewusst fortgesetzten Tätigkeit als Kritiker, bestand der Schwerpunkt seiner weiteren Tätigkeit.

Der Plan zu einer systematisch ausgeführten Musikästhetik blieb unrealisiert. Hanslicks Bedeutung reicht aber über den unmittelbaren historischen Kontext hinaus. Sein Buch ist in jenen Kanon von Texten eingegangen, die aller historischen Bedingtheit zum Trotz bis in die Gegenwart hinein zum Dialog, zum Nachdenken über Musik anregen. Dass heutige Theoretiker des musikalischen Ausdrucks - etwa die Philosophen Peter Kivy und Roger Scruton - ganz selbstverständlich Hanslick als Diskussionspartner behandeln, weist ebenso darauf hin wie die Tatsache, dass vor allem die deutsche Musikwissenschaft Hanslicks Konzentration auf das "specifisch Musikalische" nahezu zum Dogma erhoben hat - um den Preis nicht nur einer Ausblendung des sozialen Kontexts, sondern auch einer Verkürzung des sozialen Sachverhalts "Musik" selbst. []

Hanslicks "Vom Musikalisch-Schönen" ist in verschiedenen Ausgaben erhältlich, unter anderem im Breitkopf & Härtel Verlag oder im Verlag der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft. Kürzlich erschien bei Böhlau, wo Dietmar Strauß die historisch-kritische Ausgabe der gesammelten Schriften Hanslicks besorgt, ein Band mit Hanslicks Aufsätzen und Rezensionen der Jahre 1857-1858.

(DER STANDARD, Album 16./17. Februar 2002)

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