Bewältigungsversuche eines Überwältigten

1. März 2002, 13:11
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Jean Amérys "Jenseits von Schuld und Sühne".
Teil 16 von Hans Höller

Jean Améry, "der Mann mit einem französischen Namen, der aber ein Österreicher war und in Belgien lebte", so die Erwähnung in Ingeborg Bachmanns letzter Erzählung, Drei Wege zum See (1972), ist in Österreich wenig bekannt, obwohl doch seine Darstellung der österreichischen "Örtlichkeiten" so wichtig zum Verständnis der geschichtlichen "Liegenschaften" (Thomas Bernhard) in unserem Land wäre. Ganz ungewöhnlich, wie Jan Philip Reemtsma bemerkt hat, dass ein jüdischer Intellektueller die frühen Prägungen durch die österreichische Heimatkultur reflektiert.

Jean Améry, 1912 in Wien als Hans Maier geboren, hatte ja seine Kindheit und frühe Jugend im Salzkammergut, in Bad Ischl, verbracht, wo seine Mutter eine Pension führte. Mitte der Zwanzigerjahre nach Wien zurückgekehrt, gehörte der junge Hans Maier bald zur literarischen Intelligenz des Roten Wien, die in der Volkshochschule in der Zirkusgasse eines ihrer Zentren hatte. 1938 flüchtete er aus Österreich nach Belgien, wurde als Ausländer inhaftiert, entkam aus dem Konzentrationslager in Gurs, schloss sich dem belgischen Widerstand an. 1943 wurde er verhaftet, gefoltert und nach Auschwitz deportiert. Er überlebte, ging aber nicht mehr nach Österreich zurück. In Brüssel fand er seinen ständigen Wohnsitz, dachte sogar an einen Neubeginn als französischer Schriftsteller. Er war schon Mitte fünfzig, als er mit dem Essayband Jenseits von Schuld und Sühne bekannt wurde.

Zum Sterben kam er nach Österreich zurück. In der Nacht vom 16. auf den 17. Oktober 1978 nahm er sich in Salzburg, im Hotel "Österreichischer Hof", das Leben. Unter all dem, was ihn den "Weg ins Freie" suchen ließ, war auch die "schleichende Krankheit" Heimweh ("Wieviel Heimat braucht der Mensch?"). In den gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit sah er wenig, was ihn von dieser Krankheit hätte heilen können. Sie erschien ihm selber bereits als Ressentiment eines Unzeitgemäßen in einer vor Effektivität strotzenden Gesellschaft, die sich sogar wieder der Effekte des "alte(n) miserable(n) Antisemitismus" zu bedienen begann.

Ein Zitat aus Über Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein (1966), dem letzten der fünf Essays in Jenseits von Schuld und Sühne, könnte über allen Texten stehen, die Jean Améry seit Mitte der Sechzigerjahre geschrieben hatte: "Ich erlebe und erhelle in meiner Existenz eine geschichtliche Realität meiner Epoche, und da ich sie tiefer erfuhr als die Mehrzahl meiner Stammesgenossen, kann ich sie auch besser erleuchten. Das ist (...) ein Zufallsgeschick." Die Sätze gelten für Über das Altern. Revolte und Resignation (1968) und Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod (1976) genauso wie für die literarisch-fiktionalen Bücher, den Lefeu-Roman oder den Charles Bovary (1978), sogar für die Essays über Literatur, ja, für sie vor allem, weil sich Améry in der träumerisch-denkenden Versenkung in andere Bücher dem so schwer zutage zu fördernden Eigenen am sensibelsten nähern konnte. Bücher waren für ihn "Begleiter des Lebens", in einer Intensität, die heute schwer vorstellbar ist und die seine Buchbesprechungen zu den schönsten und berührendsten Dokumenten einer vergangenen Lesekultur macht.

Unter den Lebensstationen der "Unmeisterliche(n) Wanderjahre" (1971) ist die Zeit von 1938 bis 1945 ausgespart. Um diese Zeit geht es in den fünf Essays von Jenseits von Schuld und Sühne, für Améry die Zeit von Exil, Widerstand, Tortur, Vernichtungslager - und der nicht erfolgten "deutschen Revolution" nachher. Sie bestimmen sein "Weiterdenken" und "Weiterleben". Der erste Essay - An den Grenzen des Geistes, ein Versuch "über die Situation des Intellektuellen im Konzentrationslager" - wurde 1964, im Jahr des großen Frankfurter Auschwitz-Prozesses, begonnen. "Als aber diese Arbeit verfasst war", schreibt Améry 1966 im Vorwort der Essay-Sammlung, "spürte ich, dass es unmöglich damit sein Bewenden habe dürfe. Auschwitz. Doch wie war ich dahin gelangt? Was war vorher geschehen, was sollte nachher kommen, wie stehe ich heute da?" - Fragen, in denen sich autobiografische Reflexion und Epochenbewusstsein verschränken, mit dem einen Ort im Zentrum, Auschwitz, der das Nachdenken über alle anderen Orte seines Lebens bedingt. Auch die imaginären Orte und Landschaften der literarischen Überlieferung sind davon betroffen: Unmeisterliche Lehrjahre, An den Grenzen des Geistes, Jenseits von Schuld und Sühne, das sind verschobene Zitate eines literarischen Bezugssystems, das für immer erschüttert worden ist.

Der erste Essay von An den Grenzen des Geistes nimmt, mit einem Aphorismus von Arthur Schnitzler, Abschied von einem bestimmten Typus von Geistigkeit, der in Auschwitz seine Unzuständigkeit unter Beweis gestellt hat, aber wohl schon längst vorher fragwürdig war - "Tiefsinn hat nie die Welt erhellt, Klarsinn schaut tiefer in die Welt". Der zweite Essay trägt den Titel Die Tortur. Ein Text, der neben den großen literarischen Hadeswanderungen des letzten Jahrhunderts stehen kann, neben der Beschreibung der Hölle im Faustus-Roman von Thomas Mann, den Plötzensee-Passagen in der Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss oder dem Traum-Kapitel in Bachmanns Malina.

Der eine entscheidende Unterschied des Tortur-Essays: Améry schreibt aus der Situation des wirklichen Opfers, dem Zustand des für immer Überwältigten, der "das fürchterlichste Ereignis, das ein Mensch in sich bewahren kann", darzustellen versucht. "Wer gefoltert wurde, bleibt gefoltert", liest man, und man hört seiner Sprache die Herkunft aus dem Wiener Kreis des logischen Empirismus an - "Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen" (Ludwig Wittgenstein). Nur, dass Améry sich dieser Logik eben nicht widerstandslos überlassen hat, sondern dagegen revoltiert in einem einzigen großen Revisionsprozess, als den man sein Schreiben sehen kann, als Aufforderung, wie er in Ressentiments, dem vierten Essay des Bandes, formuliert, dass der nach 1945 "nicht ausgetragene(n) Konflikt zwischen den Opfern und den Schlächtern exterritorialisiert und aktualisiert werden muss".

Der fünfte und letzte Essay des Bandes setzt sich mit Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein, auseinander. Gegen eine positive religiöse oder traditionelle Bestimmung des Judeseins begreift sich Améry als jüdisches KZ-Opfer, also aus jener geschichtlich erfahrenen äußersten Negativität, die bei ihm zur Antriebskraft sozialer, aufklärerischer Rationalität wurde. Die Erfahrung, "dass die äußersten Zumutungen und Anforderungen, die an uns gestellt werden, physischer und sozialer Natur sind", habe ihn "untauglich gemacht zu tiefsinniger und hochfliegender Spekulation": "Dass sie mich besser ausgerüstet haben möge zur Erkenntnis der Wirklichkeit, ist meine Hoffnung."

Genau in der Mitte von Jenseits von Schuld und Sühne steht der Essay mit einer Frage im Titel: Wieviel Heimat braucht der Mensch? Er gehört zum Verzweifeltsten, was über den Verlust der Heimat geschrieben wurde, und zum Scharfsichtigsten, was über die geschichtlichen Bedingungen dieses Verlusts zu sagen ist. Ein Essay, der in der angeblichen Heimat Europa neue Aktualität bekommt angesichts der neoliberalen Demontage aller herkömmlichen Lebenssicherheit und der Auslöschung des historischen und sozialen Gedächtnisses. Ganz lapidar, fern jeder irrationalen Spekulation schreibt Améry, der das Heimweh als schreiendes "Wehe" und "Selbstzerstörung" erlebte, dass Heimat zu allererst "Sicherheit" sei. Der "Mensch braucht Heimat". Und auf die Frage "Wieviel?" antwortet der europäische Schriftsteller, der in Brüssel lebte: "Er braucht viel Heimat, mehr jedenfalls, als eine Welt von Beheimateten, deren ganzer Stolz ein kosmopolitischer Ferienspaß ist, sich träumen lässt . . .". []

Hans Höller ist Professor am Institut für Germanistik der Universität Salzburg.

Jean Améry, Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten. Klett, Stuttgart 1977 (zuerst Szczesny Verlag 1966).

Stephan Steiner (Hg.), Jean Améry. Stroemfeld/Nexus, Basel, Frankfurt/Main 1996.

Irene Heidelberger-Leonard, Hans Höller (Hg.), Jean Améry. Der Schriftsteller. Akademischer Verlag, Stuttgart 2000.

(DER STANDARD, 27./28. Oktober 2001)

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