"Das System ist die große wissenschaftliche Lüge"

1. März 2002, 13:13
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Der Ökonom, Soziologe und Philosoph Otto Neurath
Teil 19 von Elisabeth Nemeth

Otto Neurath (geboren 1895 in Wien, gestorben 1945 in Oxford) war in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg nur einer kleinen Gruppe von Spezialisten ein Begriff, vor allem Philosophen, die sich für die Geschichte der "analytischen Philosophie" im 20. Jahrhundert interessierten. Sie kannten ihn als prominentes Mitglied des "Wiener Kreises". Dieser war erstmals 1929 mit einer programmatischen Schrift an die Öffentlichkeit getreten: Unter dem Titel Wissenschaftliche Weltauffassung - der Wiener Kreis stellte sich eine Gruppe vor, deren bekannteste Mitglieder der Physiker und Philosoph Moritz Schlick, der Mathematiker Hans Hahn, der Physiker Philipp Frank und der Philosoph Rudolf Carnap und Otto Neurath waren. Auch die prominentesten Frauen seien hier namentlich genannt: die Mathematikerin Olga Hahn-Neurath und die Philosophin Rose Rand. Der Kreis hatte sich zum Ziel gesetzt, die Philosophie der Wissenschaft auf eine moderne Grundlage zu stellen: Die formalen Errungenschaften der modernen Logik und Mathematik sollten mit einer philosophischen Konzeption des Wissens verbunden werden, in der jegliche theoretische Aussage letztlich auf die Erfahrung zurückgeführt werden muss.

Diese Verbindung zweier philosophischer Traditionen - der mathematischen Logik mit Frege, Russell und Whitehead auf der einen und des Empirismus in der Nachfolge Ernst Machs auf der anderen Seite - war ein sehr ambitioniertes und spannungsreiches Projekt. Wie Ludwig Wittgenstein rückten die "logischen Empiristen" (auch "Neopositivisten" genannt) die logische Analyse der Sprache ins Zentrum der Philosophie. Dabei erwies sich das Verhältnis zwischen dem logisch korrekten Aufbau der Wissenschaftssprache und dem empirischen Gehalt ihrer Sätze als bleibendes Spannungsfeld und als Problemzone, die in zahlreichen Debatten erforscht wurde. Keiner der Proponenten stimmte in seiner Sicht dieses Verhältnisses mit den anderen vollkommen überein, und keine der von ihnen vertretenen Auffassungen hat sich endgültig durchgesetzt. Aber die Diskussionen, die im Kreis geführt und von 1930 an in der Zeitschrift Erkenntnis veröffentlicht wurden, sind im Lauf des 20.Jahrhunderts in ganz unterschiedlichen philosophischen Kontexten neu analysiert und immer wieder fruchtbar gemacht worden.

Dazwischen liegen die sozialen und politischen Katastrophen des 20.Jahrhunderts, die sich auch auf die Geschichte dieser philosophischen Schule gravierend ausgewirkt haben. Für den Wiener Kreis bedeutete der Februar 1934 den ersten dramatischen Einschnitt. Die autoritäre Regierung des christlich-sozialen Ständestaats verbot den Verein Ernst Mach, der 1929 gegründet worden war und der sich die Verbreitung einer "wissenschaftlichen Weltauffassung" zum Ziel gesetzt hatte.

Moritz Schlick versuchte den Verein zu retten, indem er in einem Brief an die Dollfuß-Regierung auf den "ganz unpolitischen Charakter" des Vereins hinwies. Aber die autoritäre Regierung wusste es besser als der politisch eher naive Moritz Schlick. Sie erkannte, dass auch scheinbar ganz unpoltische Forderungen politische Wirkungen entfalten können, die die gesellschaftliche Anerkennung autoritärer Macht untergraben. Unter dem nationalsozialistischen Regime wurde das, was vom Wiener Kreis noch geblieben war (viele Mitglieder waren zum Zeitpunkt des "Anschlusses" bereits emigriert, Schlick war im Juni 1936 ermordet worden), endgültig aus Wien vertrieben.

Otto Neurath war schon 1934 ins niederländische Exil gegangen. Als prominenter Sozialdemokrat und Intellektueller war er für das christlich-soziale Regime eine Symbolfigur des politischen Gegners. Neurath war 1917 als Dozent für politische Ökonomie an der Universität Heidelberg habilitiert worden. Er galt als Experte für Verwaltungswirtschaft und hatte eine aussichtsreiche akademische Laufbahn vor sich. Aber 1918 beschloss er, "das beschauliche Leben des Gelehrten zu beenden und das Leben der Tat zu beginnen". Er trat in die sozialdemokratische Partei ein und wurde eine der tragenden Figuren der bayrischen Räterepublik von 1919. Als Präsident des Zentralwirtschaftsamts war er beauftragt, die Sozialisierung der Wirtschaft in Bayern durchzuführen. Nach wenigen Wochen wurde die Räterepublik zerschlagen, Neurath verhaftet und wegen Hochverrats angeklagt und zu eineinhalb Jahren Festungshaft verurteilt. Nachdem eine Reihe prominenter Gelehrter und Politiker zu seinen Gunsten ausgesagt hatten (unter anderen Max Weber und Otto Bauer) wurde Neurath nach Österreich abgeschoben, wo er sich in der Wiener Sozialdemokratie engagierte.

Von 1920 an spielte er eine entscheidende Rolle für die Organisation der Wiener Siedlerbewegung. Aus der spontanen Selbsthilfe Tausender hungernder und frierender Menschen am Ende des Kriegs wurde unter sozialdemokratischer Führung eine leistungsfähige Organisation, in der Siedler, Kleingärtner, Baumeister, Maurer und moderne Architekten zusammenarbeiteten - die bekanntesten Namen: Adolf Loos, Josef Frank und Margarethe Schütte-Lihotzky.

Dabei ging es nicht nur um eine möglichst schnelle Produktion von Wohnraum angesichts der katastrophalen Wohnsituation, sondern auch um neue kooperative Formen, sowohl in der Herstellung und Verwaltung der Siedlungen als auch in der Produktion von Lebensmitteln. Dass diese Siedlungen nicht nur aus der Not geborene Behelfslösungen waren, sondern als moderne, kostengünstige Wohnform von hoher Qualität (nach dem Gartenstadtmodell) gelten konnten, sollte eine Freiluftausstellung im Wiener Rathauspark beweisen, die in einer Dauerausstellung weitergeführt wurde. Die visuellen Darstellungsmittel, die dafür benutzt wurden, standen am Anfang einer Entwicklung, die für Neuraths Arbeit von der Mitte der 20er-Jahre an bestimmend wurde. Auf sein Betreiben hin unterstützte der Wiener Gemeinderat die Gründung des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums in Wien (1925), dem er bis zur Auflösung 1934 als Direktor vorstand. Das Museum spielt eine herausragende Rolle in der Arbeiterbildung des "roten Wien". Unter der Leitung des Grafikers Gerd Arntz und Neuraths wurde hier die "Wiener Methode der Bildstatistik" entwickelt. Mithilfe von bildlichen Symbolen sollte sichtbar gemacht werden, in welcher Weise sich ökonomische Organisationsformen, aber auch gesellschaftliche Traditionen, natürliche Umweltbedingungen und politische Entscheidungen auf die Lebenslage der Bevölkerung auswirken. Berühmt geworden ist das Symbol des Arbeitslosen und die Darstellung der Korrelation zwischen der Wohnbaupolitk der Gemeinde Wien und der sinkenden Kindersterblichkeit in den Arbeiterbezirken.

Als die deutsche Wehrmacht 1940 in den Niederlanden einmarschierte, floh Neurath mit seiner Mitarbeiterin und dritten Frau Marie Reidemeister-Neurath aus Den Haag nach England. In den Jahren des Exils wurde die internationale Bildersprache nicht nur ausgearbeitet, sie fand auch eine sehr schnelle Verbreitung. Heute ist sie uns als Orientierungsmittel im öffentlichen Raum ebenso selbstverständlich wie in statistischen Schautafeln. Auch die Zusammenarbeit von Wissenschaftern und Philosophen suchte Neurath jetzt verstärkt auf einer internationalen Ebene weiterzutreiben. Sein großes Projekt war eine Enzyklopädie der modernen Wissenschaft - weit mehr als 20 Bände waren geplant. Neurath verstand unter einer "enzyklopädischen" Darstellung der Wissenschaft freilich nicht die additive Präsentation von Begriffen und Theorien. Die Enzyklopädie sollte ein neues Modell der Wissenschaften als komplexes Ganzes vorstellen. Gegen die "pseudorationalistische" Konzeption eines hierarchisch aufgebauten Systems des gesamten Wissens ("Das System ist die große wissenschaftliche Lüge") stellte Neurath die Konzeption eines in sich plural strukturierten Gebildes von wissenschaftlichen Sätzen, in dem die Verbindungen, die zwischen den Sätzen bestehen, teils stärker, teils schwächer ausformuliert sind. Kein Bereich in diesem Gebilde kann dabei einen Sonderstatus beanspruchen: Weder Beobachtungssätze noch mathematische Sätze könnten, so Neurath, als ein für alle Mal gesichert gelten.

Der von Rainer Hegselmann herausgegebene Band Otto Neurath. Wissenschaftliche Weltauffassung, Sozialismus und Logischer Empirismus (Suhrkamp 1979) war die erste Auswahl von Schriften Neuraths, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutsch gedruckt wurde. Seither hat sich die Lage wesentlich verbessert. Dennoch ist der Suhrkamp-Band nach wie vor unverzichtbar. Die Auswahl und die Einleitung von Hegselmann machen die innere Beziehung zwischen Neuraths Beiträgen zur Wissenschaftsphilosophie und seinem Engagement für eine sozialistische Gesellschaft deutlich. Gerade weil uns die historische Konstellation, der sich dieses Werk verdankt, eindringlich vor Augen geführt wird, werden wir darauf aufmerksam, dass das Denken dieses unorthodoxen Empiristen und Sozialisten in einer verblüffenden Weise aktuell geblieben ist. []

Otto Neurath, Gesammelte Schriften, hg. von Rudolf Haller et al., 6 Bände, Wien: Hölder-Pichler-Tempsky 1981-1998.

Elisabeth Nemeth, Paul Neurath (Hg.), Otto Neurath oder: Die Einheit von Wissenschaft und Gesellschaft. Böhlau, Wien/Köln/Weimar 1994. Thomas Uebel, Vernunftkritik und Wissenschaft: Otto Neurath und der erste Wiener Kreis. Springer, Wien/New York 2000.

Elisabeth Nemeth ist Professorin am Institut für Philosophie der Universität Wien.

(DER STANDARD, 15./16. Dezember 2001)

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