Neuigkeiten aus Wuppertal

5. März 2002, 10:50
4 Postings

1. März 2002

An wen würden Sie spontan denken, wenn "NEWS" Ihnen verrät: Mitsammen waren sie das Traumpaar der linksintellektuellen Restpopulation? Falls Sie es sich, in linksintellektuellem Wunschdenken befangen, zu einfach machen wollen - Saddam Hussein und Jörg Haider wäre falsch. Schon etwas näher lägen Sie, wenn Sie auf das Duett extrem tippen, das diesmal mit einem wirklich gegebenen Interview in dem Magazin vertreten war: Dirk Stermann und Christoph Grissemann.

Und diesmal trieb "NEWS" seinen elitären Wahrheitsanspruch so weit, die im "Falter" schon vorher veröffentlichte Chronik einer angekündigten Ente, beim Interview mit News wurde Komponist Fritz Ostermayer als "Rechtsanwalt Dr. Kurt Pfläumchen aus München" vorgestellt, in Bild und Text zu verifizieren. Gehorsam schrieb "NEWS" unter das Foto der drei: Ster- & Grissemann samt "väterlichem Anwaltsfreund" Kurt Pfläumchen, der aufpasst, dass sich die beiden durch vorlaute Äußerungen nicht im Vorfeld disqualifizieren.

Dass auch Fritz Ostermayer und Kurt Pfläumchen nicht das Traumpaar der linksintellektuellen Restpopulation darstellen, werden Sie nun ja schon ahnen, und mehr braucht hier nicht verraten zu werden. Denn entweder Sie gehören zur dieser Restpopulation - dann müssten Sie das Traumpaar ohnehin kennen; oder Sie gehören zum Rest, dann stehen Ihnen solche Träume gar nicht zu.

Wenden Sie sich lieber den Albträumen zu, die den Herausgeber der "Kronen Zeitung" quälen, seit Montag die Österreichische Auflagenkontrolle die jüngsten Verkaufszahlen veröffentlichte, denn daraus könnte seine nächste Kampagne gegen die Regierung erwachsen. Die Verkaufsauflage des Kleinformates ist um fast 23.000 zurückgegangen, was Cato seinen Lesern nur in verschlüsselter Form unter dem Titel Abfangjäger? zu verstehen gab.

Alles schlecht reden ist keine Diskussion; die aber brauchen wir in einer Demokratie, hub sein Lamento in der Mittwoch-Nummer an. Eine breite unabhängige Diskussion gibt es auf der Leserbriefseite der "Kronen Zeitung". Auflagenmäßig sind wir sicherlich auch durch das politische Gewicht dieser Leserbriefe erneut gestiegen, was eine kühne Interpretation der Fakten darstellt. Wahrscheinlich haben wir in Wirklichkeit die Drei-Millionen-Grenze schon überschritten (nicht auflagen-, nur lesermäßig), wenn man berücksichtigt, dass die Bekenntnisfreude unter der konzentrierten Verleumdungskampagne fast aller Zeitungen und Magazine gelitten haben mag.

Die Überschreitung der Drei-Millionen-Grenze mit der einer breiten Verleumdungskampagne ausgesetzten Bekenntnisfreude der Leser zu erklären, ist ein medienpolitisches Kunststück, das eher an Catilina als an Cato erinnert. Aber nun hat er sich in Rage geschrieben: Es ist ja keine Kleinigkeit, wenn behauptet worden ist, wir hätten über Prominente fälschlich berichtet, dass sie das Anti-Temelín-Volksbegehren unterschreiben würden. Verleumdungen sind kein Diskussionsbeitrag.

Wo er Recht hat, hat er Recht, und daher gibt es aus diesem Wust von Verleumdung nur einen Ausweg: Jetzt erschiene uns eine ehrliche Erörterung der Frage notwendig, ob wir wirklich Abfangjäger brauchen. Denn so eine Anti-Abfangjäger-Kampagne könnte nach der Anti-Temelín- und der Rettet-unser-Wasser-Kampagne die Auflagenzahlen wieder in frühere Höhen treiben. Die Antwort steht fest, noch ehe die ehrliche Erörterung der Frage begonnen hat. Schon einen Tag später, am Donnerstag, lautete der Aufmacher der "Krone": 75% sagen NEIN zu Abfangjägern - Grasser sollte Geld den Pensionisten geben.

Wenn dieser finanzielle Anreiz die Bekenntnisfreude der Stammlesergemeinde des Blattes nicht sprunghaft steigen und die Verleumdungskampagne fast aller Zeitungen und Magazine nicht schmählich zu Schanden werden lässt, dann ist die Drei-Millionen-Grenze gefährdet. Seit Schüssel sich zu regieren erfrecht, gibt es ohnehin nur Ärger: Ereignet sich doch glatt Wieder schweres Zug-Unglück, und die 75-prozentige Ablehnung der Abfangjäger wird auf Seite 8 abgedrängt, wo sie sich nur noch als enormes Echo auf eine "Krone"-Einladung zur öffentlichen Debatte erweist, also auf abrufbare Bekenntnisse aus nah und fern.

Etwa aus Wuppertal, von wo ein Herr Rüdiger Süllhöfer freudig das seine in die Muthgasse sandte. Nach Hause zurückgekehrt, überraschte mich zum ersten Mal die Reportage einer Zeitung. Wie 1683 der Wiener Kern den Türken trotzte, so behauptet sich heute die "Kronen Zeitung" als eine EU-Bastion der Pressefreiheit in beispielloser Weise gegen das verkommene, gleichgerichtete EU-Medien-Establishment. Es wirkt aufrichtend, mit welcher Zivilcourage das Presseorgan den Schleier des Schweigens zerreißt und die Katze endlich aus dem Sack lässt, um mit uneingeschränkter Deutlichkeit und Transparenz die ungeheuerlichsten Vorgänge der geschichtlichen Vergangenheit ins Bewusstsein zu rücken.

Die "Krone" als Bastion der Pressefreiheit - o Wuppertal! Diese Katze kann nur ein Angehöriger der linksintellektuellen Restpopulation aus dem Sack gelassen haben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. März 2002)

Von Günter Traxler
Share if you care.