Indien: Bilder des Schreckens

28. Februar 2002, 21:04
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Ein Kommentar von Gudrun Harrer

Die Bilder des Schreckens, die vor neuneinhalb Jahren - im Dezember 1992 - um die Welt gingen, sind plötzlich wieder präsent: Ein paar Tausend Menschen wurden damals in Indien bei interreligiösen Kämpfen getötet. Gestern und heute hat der Gewaltausbruch etwas mit dem unglückseligen Ayodhya im Bundesstaat Uttar Pradesh zu tun: Damals hatten Hindu-Fanatiker dort die islamische Babri-Moschee demoliert, und die am Mittwoch von Muslimen angegriffenen Hindus kamen soeben von Ayodhya zurück, wo der Weltrat der Hindus (VHP) anstelle der zerstörten Moschee einen Tempel zu errichten plant - wieder zu errichten, wie die Chauvinisten betonen.

Die Angst geht um, dass sich die tödliche Dynamik von 1992 wieder in Gang setzen könnte. Zwar flammte religiöse Gewalt zwischen Muslimen und Hindus seitdem nur vereinzelt auf, aber das Verhältnis ist nicht besser geworden. Der Kaschmir-Konflikt, bei dem viele kaschmirische Muslime die Partei Pakis- tans ergreifen, vertiefte das Misstrauen und die Lust einiger Radikaler, den Muslimen kollektiv das Inder-Sein abzusprechen. Der 11. September und der Angriff auf das Parlament in Delhi Mitte Dezember taten ein Übriges. Davon konnte man sich am Donnerstag in den Chatrooms indischer Tageszeitungen überzeugen: "Schicken wir alle Muslime nach Pakistan", hieß es da, oder "Die Welt wäre ein besserer Ort, gäbe es keine Muslime".

Was nichts an der Tatsache ändert, dass die große Mehrheit der Hindus und der Muslime miteinander friedlich in einer säkularistischen Demokratie Indien leben wollen. Das weiß auch die regierende BJP, die ja durchaus einen atavistisch-nationalistischen Hintergrund hat: Sie spielte im Vorfeld der soeben zu Ende gegangenen Wahlen in Uttar Pradesh - die sie verlor - ausdrücklich nicht die Karte der Ayodhya-Chauvinisten. Und man sollte auch nicht vergessen, dass 1992, als Tausende bei Unruhen starben, in Delhi noch die Kongresspartei regierte. (DER STANDARD, Print, 1.3.2002)

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