"Oberflächlich und banal"

28. Februar 2002, 19:26
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Architekt Roland Rainer warnt vor Kommerz und Dichte

STANDARD Sie haben vor zwanzig Jahren eine vom Magistrat bereits abgesegnete, nie realisierte Studie über Wien-Mitte gemacht. Wie beurteilen Sie das aktuelle Bauvorhaben?

Roland Rainer: An dieser Stelle große Interventionen zu machen würde alles zerstören, denn es gibt dort viele wichtige und empfindliche Punkte und Blickbezüge eines gewachsenen Stadtensembles. Was gerade geschieht, halte ich für die oberflächlichste, banalste und miserabelste Gesinnung, die es überhaupt gibt. Im Umfeld liegen alte Kirchen, der Stadtpark, die Museen - irgendwo muss man einmal auch Zurückhaltung üben können.

STANDARD: Was passiert, wenn man das nicht tut?

Roland Rainer: Es wird ein Verkehrschaos und noch mehr Rummel geben. Man glaubt, dass man mit großen Häusern noch mehr Geschäft machen kann, doch das halte ich für Unsinn. Die Leute brauchen keine Hochhäuser, um Stiefel kaufen zu können. Man bedenke allein die Beschattung, die sich durch diese hohe Bebauung ergibt, an die vollkommene Veränderung der Umwelt, der Belichtung, der Lärmbelastung. Dieser Ort ist eine der schönsten Gegenden Wiens, und die soll völlig verändert werden. Andere Städte gehen mit ihrer Substanz wesentlich vorsichtiger um. Was hier in Wien waltet, ist die primitive Geschäftstüchtigkeit der Hausmeister.

STANDARD: Die Planer verwehren sich gegen den Vorwurf des potenziellen Verkehrschaos, weil man vor allem die in Wien-Mitte Umsteigenden anziehen wolle.

Roland Rainer: Ich bezweifle, dass das ernst gemeint ist, denn dann wird man dort kein Geschäft machen. Die meisten fahren doch nur durch.

STANDARD: Wie hätten Sie planerisch mit dem Ort verfahren? Roland Rainer: Ich habe gar nichts gegen eine gewisse, aber behutsam geplante Verdichtung, wenn sie dem stadträumlichen Gefüge entspricht, und wenn dazwischen Plätze, wie es sie in Wien ohnehin kaum mehr gibt, geschaffen werden. Doch es ist nicht egal, ob es dort acht oder zwanzig Geschoße gibt, auch wenn die Kanten zurückgesetzt sind. (uwo/DER STANDARD, Printausgabe 01.03.2002)

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