Die Kosten der Mauer - Von Helmut Spudich

28. Februar 2002, 19:35
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Ich bin ein Tscheche. Einer aus Mähren, um genau zu sein, wo vor über hundert Jahren nicht nur ein Teil meiner Ahnen, sondern auch Gustav Mahler und Sigmund Freud herkamen. Das musste einmal gesagt werden in Zeiten, wo "duchgeknallte" Bajuwaren glauben, sie könnten mit Hinweisen auf Aufenthaltsgenehmigungen das Ahnenpasswesen wiederbeleben.

Und die damit das Land ganz nebenbei in Geiselhaft zu nehmen versuchen, um Österreichs Randlage zu erhalten. Denn das ist der Status quo: Der Eiserne Vorhang ist weg, Österreich Mitglied der EU - und gleichzeitig wieder Randstaat, dessen unmittelbaren Nachbarn im Norden, Osten und Südosten weiter entfernt scheinen als EU-Partner in Helsinki, London oder Madrid.

Für unser wirtschaftliches und emotionales Wachstum hat das dieselben Auswirkungen wie eine Hausmauer auf einen an der Mauer gepflanzten Birnbaum. Nach vorne blüht und gedeiht er, nach hinten verkümmert er. Wer nur die Mauer kennt, könnte meinen, es wäre die natürliche Gestalt eines Birnbaums.

Was jedoch die Kosten einer Mauer sind, hat uns jetzt das Wirtschaftsforschungsinstitut vorgerechnet: 720 Millionen Euro kostet es unsere Exportwirtschaft, mit ihren Waren die Grenze zu überwinden. Bleibt die Mauer, bleiben die Kosten. Für 200 Millionen Euro im Jahr könnten wir hingegen die Mauer abtragen. Die Rechnung ist also klar: Die EU-Erweiterung ist eine Frage der Geldbörse. Und zwar nicht, weil sie uns etwas kostet, sondern weil sie uns etwas bringt. Das zeigte schon das vergangene Jahrzehnt: Seit der Eiserne Vorhang fiel, versechsfachte sich unser Export, was Arbeit und Erträge ins Land gebracht hat. Jetzt ist die Chance, auch das letzte Hindernis zu beseitigen. Wer sie nicht ergreift, dem sollte man nach seiner Aufenthaltsberechtigung im Kreise der Vernünftigen befragen. (DER STANDARD, Printausgabe 1.3.2002)

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