Mit Adolf Loos in die Bellaria

28. Februar 2002, 19:38
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In der 14. Unglaubwürdigen Reise

Schon 1922, als Adolf Loos das erste Terrassenhaus in Mitteleuropa baute, sprach man wegen des flachen Daches von "algerischer Architektur, die in Österreich nichts zu suchen hat". Wer hat eigentlich wann in Österreich noch irgendetwas zu suchen? "Es herrscht der flotte Darsteller", bemerkte Loos zur Architekturszene, es ließe sich auch über die heutige politische Szene sagen.

Zum neu eröffneten Technischen Museum merkte Loos an: "Am meisten Anklang wird das Bergwerk finden. Schon weil es an die Wunder der Grottenbahn erinnert. Alles ist da zu sehen: die Bergleute bei der Arbeit, die klappernden Gesteinsbohrer und der Grubenhund. Und wie werden sich die Wiener drängen, einen Blick in den Salonwagen der verewigten Kaiserin zu werfen."

In Wien kommt man leicht ins Gedränge und schwer wieder heraus. Bleibt die Frage, wer hier überhaupt den Wunsch hat, aus dem Gedränge zu kommen. Nervös, fast geängstigt und schräg an jedem Betrachter vorbei blickt Adolf Loos aus einem Bild von 1920. Aber nicht nur Wien macht ihn nervös. Zur Weltausstellung in Chicago bemerkt er: "Dieser Monumentalgschnas konnte nicht mehr überboten werden." Und zu den dort ausgestellten Projekten von Josef Olbrich und Josef Hoffmann: "Dabei sind diese Projekte wienerisch bis in die Knochen", weshalb er vorschlägt, die Projekte für ein Kaiserjubiläum im Prater aufzustellen.

Im späten Winter ersetzt das Bellariakino hinter dem schauerlichen Volkstheater den frostigen Prater. Und die Freudenau: Willy Birgel im weißen Reitkostüm in Reitet für Deutschland.

Das alte Programmheft gab es für diesen Film nicht, doch bekam ich für 50 Cents (niemand spricht die Währung "Cents" stolzer aus als die Kassierin in der Bellaria) ein viel älteres. Dr. Crippen an Bord, wo sich Mörder aus dem zweiten und dritten Band des "Pitaval" versammeln und ihrer Begabung nachgehen. - Auch Reitet für Deutschland wirkt, unfreiwillig, wie ein verfilmter Pitaval, es ist eindeutig ein Nazifilm. Das Publikum war glücklich, ich auch, denn wenn Wiener glücklich sind, so ist der andere in Sicherheit. Und kann, während Birgel für Deutschland reitet, über Loos nachdenken.

Von der Bellaria nahm Loos noch wenig Notiz, aber bei seinen "Wohnungswanderungen", mit denen er dem schlechten Geschmack anders eingerichtete Wohnungen zeigen wollte, notierte er diejenige eines Auftraggebers: "Bellaria 4, 1. Stock, Wohnung des Herrn F. (Aufzug)": "Herr F. ist Cellospieler, Frau Bildhauerin. Wände, Buffets und Kamin aus Pavonazzo (Italien), Japantapete, Wandbrunnen, pompeijanische Schlange (von der Hochzeitsreise), Musikzimmer Kirschholz. Kamin Tiroler Onyx."

Der Sprung vom Tiroler Onyx in der Bellariastraße bis zum Bellariakino klingt eher nach den Märchen des Lügenbarons Münchhausen. Vielleicht führt diese Spur aber, begleitet von der "Schlange (von der Hochzeitsreise)", auch zu nicht ausgeübten Verbrechen: Dr. Crippen ist in Wien doch meist mit an Bord. Mit viel Glück könnte, während Willy Birgel immer noch für Deutschland reitet, aber auch der Straßenbahnschaffner Johann Placek zum Mitreisenden werden: ein Widerstandskämpfer, dem eine hufeiserne Wohnhausanlage der Gemeinde Wien gewidmet ist.

Die nächste Reise wird nächsten Freitag angetreten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 3. 2002)
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