Leben im Abteil

1. März 2002, 13:23
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Ilya Kabakov erhält den Oskar-Kokoschka-Preis - MAK bekommt großformatige Dauerleihgabe

Wien - Abfahrende Züge und Waggons am Abstellgleis gehören zu den beliebten Metaphern Ilya Kabakovs, die er - etwa auf der Biennale Venedig 2001 oder bei seiner MAK-Personale - gerne als Setting für seine Arbeiten oder als Symbole verwendet. Das umgesetzte Bild stammt aus der Zeit, als er einer der Protagonisten der inoffiziellen Kunst der Sowjetunion war. Zwar emigrierte er 1987 nach New York, seine poetischen Bilddichtungen und hintergründigen Installationen basieren bis heute aber auf den Moskauer Erfahrungen.

Besten Einblick in seine profunden, von steten Zweifel und permanenter Relativierung des Gesagten durchzogenen Gedanken und seinen feinen Humor gewährt das im Vorjahr erstmals auf Deutsch erschienene Buch Die 60er und 70er Jahre. Aufzeichnungen über das inoffizielle Leben in Moskau (Wien, Passagen Verlag). Hier findet man das Symbol Waggon wieder: "Wir wissen nicht, wo wir uns im Augenblick aufhalten, aber in unserem Abteil herrscht ein absolut neues Leben, und dem, was wir durch das Fenster zu sehen bekommen, schenken wir, gelinde gesagt, keine Beachtung. Wer sich zu weit hinauslehnt, dem wird der Kopf abgerissen."

Den mit 18.170 Euro dotierten Oskar-Kokoschka-Preis 2002, den Kabakov am Freitag in der Universität für angewandte Kunst erhält, begründet die Jury damit, dass Kabakov "private Erfahrungen mit seinem kulturellen, sozialen und politischen Umfeld sowie die Erfahrung von Flucht und Exil zu einer allgemein gültigen Metapher für die menschliche Existenz" transponiert.

Die Angst, schreibt Kabakov in seinem Buch, das übrigens auch damalige Künstlerkollegen (Bulatow, Piworwarov, Komar & Melamid) beschreibt bzw. zu Wort kommen lässt, war damals allgegenwärtig, und das hänge noch mit der Stalin-Zeit zusammen: "Alle Gespräche drehten sich zu 70 bis 80 Prozent darum, wer verhaftet, wem etwas entzogen, wer vorgeladen wurde, wo eine Hausdurchsuchung stattgefunden hatte, was konfisziert wurde und wer als Nächster dran sein werde."

Man befand sich in einem Zustand wie ein sich schuldig fühlendes Kind, das bestraft werde oder auf seine Strafe wartete. Kabakovs kindlich-lyrisch-fantastischen Zeichnungen begründen sich also nicht nur mit seinem damaligen Brotjob als Kinderbuchillustrator.

Die inoffizielle Kunst war Kunst "für sich selbst" und stellt, obwohl später genauso vermarktet, einen Kontrapunkt zum westlichen Kunstmarkt dar. Und eine seiner Bemerkungen gilt auch für Österreich, wobei generell eine leicht pessimistische Einschätzung der Wiederkehr des Gleichen auf dem Müllhaufen der Geschichte mitschwingt: Nach 60 Jahren sind frühere Feinde vom Staat wieder rehabilitiert.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 3. 2002)

Von
Doris Krumpl

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