Wenn die Rendite baut, baut sie hoch

4. März 2002, 11:40
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Die Debatte um Hochhäuser in Wien erreicht mit dem Projekt Wien-Mitte einen neuen Höhepunkt

Während die Investoren alle Rahmenbedingungen erfüllt sehen, werfen Projektgegner der Stadtplanung Schlamperei vor

Wien – Während die Planun gen eines Urban Entertain ment Centers (UEC) in Wien- Mitte so gut wie fertig gestellt und der Baubeginn mit Ende des Jahres terminisiert ist, er reicht der Wirbel um die ho hen Häuser am Anfang der Landstraßer Hauptstraße ei nen Höhepunkt. Entstehen soll dort ein neues Zentrum mit gemischter Nutzung, das an drei Punkten in 87 respek tive 97 Meter Höhe empor wachsen wird.

Widerstand

Widerstand kommt von Stadtopposition und Bürgerinitiativen. Dass die Innenstadt gerade von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde und sich der Bauplatz in der Schutzzone befindet, sorgt für zusätzli chen Zündstoff.

Warum die Investoren (B.A.I. und IFP) ihre Häuser hoch bauen wollen, erschließt sich durch eine kurze Schlussrechnung: Bei 80.000 m² Nutzfläche und durch schnittlichen 1800 Euro Qua dratmeterherstellungskosten ergibt sich eine Bausumme von rund 144 Millionen Euro, das gesamte Projekt wird mit 300 Millionen Euro beziffert, bei der Differenz kann es sich in logi scher Folge nur um die Grundkosten handeln. Dieser appetitliche Happen dürfte mittels eines Superedifikats (im Eisenbahnbuch eingetra gener Dienstbarkeitsvertrag) in den ÖBB-Säckel gewandert sein, denen das Grundstück gehört.

Wichtigster Verkehrsknotenpunkt

Will man eine entsprechen de Rendite des eingesetzten Kapitals sehen, muss das Grundstück voll ausgeschöpft werden. Roman Rusy, Sprecher der Bauherrin Wien-Mit te Bauprojektmanagement GesmbH will sich dazu nicht äußern, betont aber den für Investoren besonders attrakti ven Standort: Schließlich sei Wien-Mitte mit 110.000 Umsteigern der wichtigste heimische Verkehrsknoten punkt, dieses Publikum wolle man mit dem Shopping-und- Freizeit-Projekt samt Büro- und ausgesuchter Wohnnut zung über den Dächern der Altstadt ansprechen. Außer dem seien die Flächenwid mungspläne genehmigt, der Sanktus der Stadtplaner also längst erteilt.

Schlampig vorbereitet

Projektgegner wie Chris toph Chorherr von den Grü nen werfen der Stadtplanung „schlampige Vorbereitung“ vor. Chorherr: „Hier rächt es sich, wenn man nicht sorgfäl tig feststellt, wie viel Dichte ein Standort verträgt.“ Ältere Projekte wie etwa Roland Rai ners Studie aus den frühen 80er-Jahren hätten sehr wohl vorgezeigt, dass man „zwar dicht, aber standortverträg lich“ bauen könne. Auch TU- Verkehrsplaner Hermann Knoflacher kritisiert das In vestorendenken: „Man soll das Geschäft machen, dabei aber längerfristig die Stadt struktur berücksichtigen.“

Die Projektgenese selbst war langwierig, die nun planende Architekten-Arbeitsgemein schaft (Neumann & Steiner, Lintl & Lintl, Ortner & Ortner) entstammt einem Architek turwettbewerb aus dem Jahr 1990. Heinz Neumann, Arge- Sprecher, versteht den Auf ruhr nicht: „Das Projekt ist längst geplant, wir haben alle Auflagen erfüllt, die Debatte ist kontraproduktiv.“

Zur Architektur des UIC selbst ist zu sagen, dass sie sehr schlicht daherkommt und schon ein wenig an die Berliner Investorenprojekte gemahnt, die der deutschen Hauptstadt keinen Rang in der jüngeren Architekturge schichte sichern werden. (DER STANDARD, Printausgabe 01.03.2002)

von Ute Woltron
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