DigitalStoff - Papierlos, kein Witz!

3. März 2002, 21:45
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Bücherregale gehen über, Papierfluten überschwemmen uns. Trotzdem werden wir papierlos. Helmut Spudich blättert in den Beweisstücken

Kennen Sie den? Erzählt Bill Gates der Fernsehmoderatorin begeistert von seiner neuen Erfindung, einem PC in Form eines Schreibblocks, und verspricht, dass der Schirm so gut ist, dass wir weniger Papier brauchen werden. Fragt die Fernsehmoderatorin: Sie meinen aber nicht das papierlose Büro? Müssen beide herzhaft lachen.

Ja ja, das papierlose Büro. Quasi Treppenwitz der digitalen Geschichte, unerreichter heiliger Gral der Informationstechnologie, auf deren Spuren wir seit drei Jahrzehnten wandeln, weitere Jahre papierloser Star-Trek-Fantasien nicht mitgerechnet.

Reality-Check: 2000 stellte Europa beim Papierverbrauch einen Rekord auf und überholte die USA. Unternehmensberater haben erhoben: Organisationen, die E-Mail einführen, erhöhen ihren Papierbedarf um 40 Prozent. 1,2 Billionen Blatt Papier wurden im vergangenen Jahr in den USA am Schreibtisch bedruckt, sagt Hewlett-Packard, das uns die billigen 100-Euro-Drucker beschert hat.

Trotzdem, ohne Sie jetzt papierln zu wollen: Wir sind auf dem besten Weg dazu, eine papierlose Gesellschaft zu werden. Wie das? Papier ist eben nicht Papier. Die eine Form von Papier (und seiner Vorläufer) ist seit Jahrtausenden der Wissensspeicher unserer Kultur. Die andere Form von Papier ist nur ein besserer Bildschirm, dessen Inhalt temporär ist, nach Benutzung zum Altpapier wandert, so wie am Bildschirm eine neue Seite die alte löscht.

Der Wissensspeicher wird papierlos. Diese Zeitung zum Beispiel: Wenn wir so sinnlose Informationen recherchieren wie die Zitate einfacher Parteimitglieder oder wann der Pilot zur ersten Star-Trek-Serie gedreht wurde (1964), benutzen wir elektronische Datenbanken. Wer soll so viel Trivialitäten schon noch in irgendwelchen Regalen auf Papier lagern können? Wenn wir dann Geschichten schreiben, dann drucken wir das, was wir in den Datenbanken gefunden haben, meist aus, weil Bildschirme zu klein, zu unpraktisch sind. Am Ende des Tages ist dieses Papier nur noch Rohstoff - für neues Papier.

Scheint, dass wir dies schon lange vorausgeahnt haben: Das säurehaltige Papier der letzten 150 Jahre ist vom Zerfall bedroht, was Bibliotheken allerorts zum Verzweifeln bringt. Besser als ein sinnloser Restaurierungswettlauf gegen den Todes- trieb des Papiers wäre, das Papier elektronisch zu erhalten. Sie müssen's dann ja nicht auf Herrn Gates' Erfindung anschauen. Drucken Sie es einfach aus.

derStandard/rondo/1/03/02

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    epa/jeff christensen
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