Zeit Geist Humus

5. März 2002, 12:50
posten

Auch Gartenpflanzen und Schnittblumen sind den Moden der Zeit unterworfen. Im Moment unterliegen Cotoneaster und Konsorten gerade den lieblicheren Gesträußen der Vorgärten wie Rosen und althergebrachten Bauerngartenblumen

Über die meisten Erscheinungen legt sich die Zeit wie ein Vergrößerungsglas und offenbart erst im Nachhinein gewisse Moden und Strömungen, die man im üppigen Gewucher des Jetzt vielleicht gar nicht bemerkt hat. Das gilt auch für die bevorzugten Blumen und Pflanzen in den Gärten und Vasen, die offensichtlich nicht nur dem Diktat der Jahreszeiten und der Vergänglichkeit, sondern auch dem Modebewusstseinszustand der Menschen ausgesetzt sind.

Gartenmode
Im Falle vieler Privatgärten beispielsweise hat sich die in den 70ern auf dem unergründlichen Humus des Zeitgeistes aufkeimende Liebe zu Koniferen aller Art über die Jahre zu kleinen Privatforsten ausgewachsen. Maschinen wie Rasenmäher wurden im sich verdichtenden Unterholz der Silberfichten, Raketenwacholder und anderer Nadler entbehrlich, die vormals niedlichen Pflänzchen müssen nun, Jahrzehnte nach dem Setzen, eher von Kettensägen gebändigt werden - selbstverständlich nur, wenn man wieder Licht im Haus haben und der zeitgemäßeren Gartenmode huldigen will, die das RONDO an dieser Stelle quasi bonsaiartig zusammenzufassen gedenkt:

Der dominierende Gartentrend, so das Ergebnis der Umfrage bei Profigärtnern und Blumenspezialisten, bewegt sich gerade wieder zurück in die Vor-Koniferenepoche, und die war eine eindeutig lieblichere. Die strengen Geometrien und Schnittmuster in Dunkelgrün haben weitestgehend ausgedient, sie werden nun von bunteren, lockereren und freundlicheren Anlagen abgelöst. Vom neuen Duft im Garten, der lange Jahre eher der des Hochgebirges war, gar nicht zu reden.

Wiederkehr alter Bauerngartenblumen
"Der typische österreichische Bauerngarten",stellt Andreas Bamesberger vom Wiener Blumengeschäft Zweigstelle fest, "erlebt derzeit eine Renaissance." Diese Art blühenden Durcheinanders, so meint der Blumenspezialist, würde bei geringerem Pflegeaufwand ein Mehr an Lieblichkeit bieten. Tatsächlich ist ein sinnvoll angelegter Bauerngarten ein kunstvolles Gesteck aus den verschiedensten Gemüsen und Blumen, aus generationenlang ausgeklügelten Frucht- und Blütenfolgen und anderen gartenhexenhaften Geheimnissen. Doch wenn auch der Tullner Baumlehrer Wolfgang Praskac einen Rückgang der Thuje und die Wiederkehr alter Bauerngartenblumen im Sortiment der Begehrlichkeiten bemerkt, so soll uns Lebensbaumverächtern das nur Recht sein.

Außerdem seien, so Praskac, neuerdings vor allem Rosen wieder äußerst gefragt - im Speziellen die so genannten "Englischen Rosen" von David Austin, und da der britische Rosenveredler nicht nur alte, fast vergessene Sorten neu belebt, sondern auch neue Sorten mit altmodischem Charme gezüchtet hat, wie sie in alten Bauergärten nicht fehlen durften, so beweist das ebenfalls die These.

Auch Kollege Markus Lederleitner bemerkt ein "Besinnen auf historische Sorten", die
rekultiviert und richtig, also ohne viele Kunstgriffe, eingesetzt würden: "Es wird nicht mehr versucht, die Pflanzen zu verändern, sondern sie werden ganz einfach am richtigen Standort, wo sie sich wohl fühlen, gepflanzt." So kommen etwa Hortensien- und Rosensorten, die es bereits vor hundert Jahren hierzulande gab und die sich im hier herrschenden Klima bewährt haben, verstärkt wieder zum Einsatz. Und auch der Bambus darf in winterharter Form die Vorgärten zieren. Wie sich der über die Jahrzehnte auswächst, darf abgewartet werden.

Auch an der Schnittblumenmode sind Veränderungen zu erkennen. Das Modegewächs der 70er-Jahre war die Nelke, sie wurde von der Sonnenblume abgelöst, und derzeit geht der Trend, so Andreas Geis von den Wiener Strauß-Avantgardisten Blumenkraft, auch hier in Richtung Vielfalt: "Es gibt heute keine Blume mehr, die sich wirklich durch die ganze Saison durchzieht, es sind vielmehr interessante Sorten und sehr spezielle Blüten mit einem gewissen Eigenleben gefragt." Die weiße Calla habe der weißen Lilie den Rang abgelaufen, und Klassiker wie die Amaryllis seien nach wie vor gut vertreten.

derStandard/rondo/1/03/02

von Ute Woltron
  • Artikelbild
    www.der-burggarten.de/
  • Artikelbild
Share if you care.