Vollbad

5. März 2002, 21:12
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+ + + PRO

Doris Priesching

Schon im zarten Kindesalter erfuhr ich die Freuden einer gepflegten Wannenkultur. Wenn Vater badete, war das Behältnis bis oben hin voll mit Wasser und der knisternde Schaum bedeckte es wie eine schützende Schneedecke.

Dieser Anblick wiederum hat uns Kinder dermaßen inspiriert, dass wir ein Spiel mit dem treffenden Namen "Schneelandung" erfanden, was nichts anderes bedeutete, als mit dem nackten Hintern vom oberen Rand der Wanne ins warme Nass hineinzurutschen. Verständlicherweise hielt meine Mutter nicht allzu viel von dem Spaß. Gegen die Telefonate, die wir über den Brausekopf mit Onkel Egon aus Vorarlberg führten ("Wia goht's d'rr?"), hatte sie aber nichts. Wenn wir hungrig waren, formten wir den Waschlappen zu einer Rolle, bissen ab und stellten uns vor, es seien Palatschinken.

Schon damals hat sich gezeigt: Wer ein Bad nimmt, tut dies selten einzig und allein, um sich zu reinigen. Heute ist es die Lust, sich in heißem, die Haut am besten krebsrot werden lassendem Wasser zu räkeln. Ein griechischer Badeschwamm, die herrlichsten Zusätze wie Mandelöl, Melisse, Eukalyptus, Rosmarin und Lavendel vervollkommnen das Alltagserlebnis und erzeugen einen Druckverlust, der den Blick bereits nach kurzer Zeit verklärt an der Decke ruhen lässt. Nein, nichts und niemand kann mich davon überzeugen, dass Vollbäder unnütz seien. Sie sind vielmehr geradezu lebenswichtig - auch wenn ich die "Schneelandung" heutzutage nur noch selten praktiziere.

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- - - CONTRA

Doris Krumpl

Der Mensch besteht zu 70 Prozent aus Wasser. Der Mensch im Sinne des Gleichgewichts der Elemente duscht, der Wunsch nach Auflösung zeigt sich im Vollbad-Typus. Obwohl alles Leben einst aus dem Wasser entstand, muss man nicht unbedingt so lange in einer warmen Brühe verbringen, um wieder Schwimmhäute wachsen zu sehen oder wellig-schwammige Hauthügel. Die Aussicht auf Zehen ist auch nicht das Prickelndste - und der Blick auf den eigenen, durch Wasser oder Feuerwasser aufgeschwemmten Körper unter der stark vergrößernden Wasseroberfläche ebenfalls (soll ja Ausnahmen geben, meine Herren).

Außerdem ähnelt die Wanne fatal dem Holzpyjama, den wir alle einmal anziehen werden müssen. "Psycho" hin oder her: Schutzlos weicht man im Wasser auf, wird unendlich träge, äh, entspannt, und ist hilflos Angriffen von Rammstein-Naziverschnitten ausgesetzt, die ihre Frettchen aus purem Sadismus in die Wanne lassen. Sogar Role-Model "The Big Lebowski" hatte dann auch von seinem Bade-Kerzenschein und Walgesängen die Nase voll. Sogar er ist jetzt bestimmt bekennender Duscher.

Einzig logischer Schluss - neben dem offensichtlichen Öko-Argument: Lieber sind wir Kapitäne auf den richtigen Meeren dieser Welt, Schwimmer im See und in heiligen Wassern - und Warmduscher! Da können alle anderen brausen gehn.

derStandard/rondo/1/03/02

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