Nichterweiterung wäre teuer

1. März 2002, 19:00
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Wifo-Studie: EU ohne Osten kostet Österreich dreimal so viel wie Erweiterung

Wien - Viel war in der politischen Diskussion der vergangenen Wochen über die Kosten der Erweiterung für die EU im Allgemeinen und Österreich im Besonderen zu hören. Dem jüngsten Vorschlag der EU-Kommission zufolge würden Österreich daraus Aufwendungen in Höhe von rund 200 Millionen Euro erwachsen. Aber eine Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo) im Auftrag der Wirtschaftskammer zeigt, dass eines noch teurer wäre als die Erweiterung: ihre langjährige Verzögerung oder gar die Nichterweiterung.

Den Erweiterungskosten von 200 Millionen Euro jährlich stünden pro Jahr ein Schaden von 721 Mio. Euro für die heimische Wirtschaft gegenüber, falls die Erweiterung um zehn Kandidaten über einen längerem Zeitraum verschoben würde, rechnet der Wirtschaftsforscher Fritz Breuss in seiner Studie vor. Die Studie erstellt ein Rechenmodell über die Auswirkungen einer Verschiebung um sechs Jahre.

Weniger Jobs

Zusätzlich zu diesem Aufwand würden jährlich 1300 Personen weniger beschäftigt werden, über sechs Jahre gerechnet insgesamt 8000 Beschäftigte weniger. Auf die Inflationsrate würde sich eine Aufschiebung mit jährlich 0,33 Prozent auswirken; nach sechs Jahren wäre das Preisniveau dadurch um zwei Prozentpunkte höher als bei einem Vollzug der Erweiterung im Jahr 2004.

Der Grund für diese Kosten liegt in dem hohen Exportanteil, den die zehn Beitrittskandidaten unter Österreichs Außenhandel bereits ausmachen. Seit der Beseitigung des Eisernen Vorhangs 1990 stieg Österreichs Export in diese Länder von relativ bescheidenen 1,24 Mrd. Euro um das Sechsfache auf zuletzt 9,45 Mrd. Euro oder 12,53 Prozent des gesamten Exports. Das habe 100.000 zusätzlich Arbeitsplätzen gebracht. "Wenn man Prognosen nicht glaubt, braucht man sich nur die nachweisbaren Fakten der Vergangenheit anschauen", sagte Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl in einem Pressegespräch zur Osterweiterung Mittwochabend.

Zwei Effekte

Wird nun die Erweiterung abgeblasen oder langwierig verzögert, entstehen zwei Effekte: Trotz bereits entfallener Zölle blieben aufwändige Grenzformalitäten und Wartezeiten aufrecht, was Kosten in Höhe von fünf Prozent des Handelswertes verursacht (jährlich 451 Mio. ). Der zweite Effekt wäre, aufgrund einer Dämpfung des Exportzuwachs, ein um 0,13 Prozent geringeres Bruttoinlandsprodukt (Verlust von 270 Mio. ).

"Österreich stellt zwei Prozent der EU-Einwohner, aber acht Prozent des EU-Osthandels", konstatierte Leitl. "Dementsprechend sind wir einer der Hauptgewinner der Erweiterung - kommt sie nicht, einer der Hauptverlierer." Darüber entstünde politischer Schaden für die EU, da das Vertrauen von Investoren "beschädigt wird". (spu, DER STANDARD, Printausgabe 1.3.2002)

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