Der lange Weg zu gleichen Chancen

28. Februar 2002, 09:00
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Frauen über 50 stehen vor spezifischen Barrieren – Eine Tagung macht diese sichtbar

Wenig Geld, große Belastung durch Arbeit, eingeschränkte Mobilität, geringe Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen. So fasste Sozialminister Herbert Haupt die Lage der älteren Frauen in seiner Einleitung zur Tagung „Chancengleichheit älterer Frauen in Österreich!“ zusammen. Die Tagung wurde vom Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung im Auftrag des Bundesministeriums für soziale Sicherheit und Generationen organisiert und fand vom 25. bis 26. Februar in Wien statt. In seiner Rede wies Haupt des weiteren darauf hin, dass 1,5 Mio. Frauen in Österreich über 50 Jahre alt sind und damit eine bedeutende Bevölkerungsgruppe darstellen. Zumindest zahlenmäßig. Denn was die Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit und die gerechte Verteilung von Chancen betrifft, sind sie eindeutig im Nachteil.

Brüchige weibliche Lebensläufe

Einen Grund für diese Benachteiligung beschrieb Gertrud Backes, Professorin für Soziale Gerontologie, in ihrem Vortrag „Alter(n) und Geschlecht-Forschung-Politik“: Weibliche Lebensläufe sind im Vergleich zu männlichen in der Regel durch Brüche (z.B. Unterbrechung der Erwerbsarbeit für die Kindererziehung) gekennzeichnet. Mit ihrer Anmerkung, dass das „Egoismus-Argument“ (d. h. jene Sichtweise, wonach Frauen nur aus „Egoismus“ und der „modernen Tendenz“ zur Selbstverwirklichung auf Kinder verzichten) abzulehnen sei, weil Nicht-Berufstätigkeit ein hohes soziales Risiko für Frauen darstelle, bezog sie sich kritisch auf die Aussagen Haupts von letzter Woche (siehe Interview „Selbstverwirklichung statt Kinder“).

“Dafür sind wir nicht zuständig“

Karin Stiehr, Diplompsychologin und Mitbegründerin des Instituts für Soziale Infrastruktur in Frankfurt, erzählte von ihren Erfahrungen mit dem Thema „Ältere Frauen“ in europäischen Projekten (z.B. Sophia-net) und schilderte anschaulich, wie wenig dieser Bevölkerungsgruppe von der Politik bisher Beachtung geschenkt wurde. Die älteren Frauen sitzen gleichsam „zwischen den Stühlen“, weil sich weder die klassischen SeniorInnenorganisationen (besser gesagt: SeniorENorganisationen), noch die relativ jung besetzten Frauenorganisationen für die spezifischen Anliegen älterer Frauen zu interessieren scheinen. In der politischen Verwaltung ortet Stiehr ein ähnliches Kompetenzdilemma.

Ideen, Vorschläge, Forderungen

In sechs Workshops (politische Partizipation, Bildung, Medien, Gesundheit, Wohnen, ökonomische Situation) wurden von den TagungsteilnehmerInnen konkrete Vorschläge und Forderungen an politische EntscheidungsträgerInnen erarbeitet und konkrete Fragen an die TeilnehmerInnen der Podiumsdiskussion formuliert. Die Diskussion drehte sich vor allem um das Thema Bildung und um das heiße Eisen „finanzielle Unabhängigkeit von älteren Frauen“. Hilde Hawlicek, ehemalige Bundesministerin für Unterricht, Kunst und Sport und derzeit Vizepräsidentin des Pensionistenverbandes Österreich, kritisierte, dass die Studiengebühren zu einem massiven Rückgang der Anzahl der Seniorenstudierenden geführt haben und auch der Sozialwissenschafter Bernd Marin war der Meinung, dass über das „lebenslange Lernen“ in den letzten 30 Jahren zwar viel geredet wurde, „aber bisher nichts passiert“ sei.

Von Yvonne Giedenbacher
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