Patrioten mit "Laib" und Seele

27. Februar 2002, 19:49
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Rudi Widerhofers "Heimatmaschine" in Graz

Graz - Nun gilt es als gesichert: Das Wesen der Heimat ist ein teigiges, bestehend aus Laib und Seele. Wer es mit allen Sinnen erfahren will, kann das in einem Container auf dem Grazer GKB-Parkplatz, wo sonst Zirkusleute ihre Zelte aufschlagen. Dort wirft ein kongeniales Team die würfelförmige "Heimatmaschine" an. Autor und Schauspieler Rudi Widerhofer hat für sein Stück eine Art Versuchsstation erdacht, in der er als Wissenschafter gemeinsam mit einer Politikerin (Martina Kolbinger-Reiner) stationiert ist. Das gemeinsame Ziel ist die Bekämpfung der "Heimatschrumpfung".

Gebaut wurde die mobile Theatermaschine von La-Strada-Vater Werner Schrempf. Für die Innenverkleidung hat die Künstlerin Erika Thümmel Bodenfliesen, Stühle und einen Tisch aus Sauerteig geschaffen. Ein frisch gebackenes Bühnenbild, das die Zuschauer olfaktorisch gefangen nimmt, während sie durch Bullaugen aus dem Heimatschiff auf städtische Peripherie blicken.

Dort draußen wandelt der selbstgerechte Wissenschafter am Strand unweit von imaginären "Kornspitz-Riffs" und "Teigbrechern". Oder ist es Barbapapa, der sich in ein Stück Gmundner Keramik verwandelt hat? (Kostüme von Sabina Pinsker.) Drinnen wartet eine genervte Ministerin mit dem Essen auf ihn. Ihre nervöse Verbitterung baut sich auf wie ihre blaue Turmfrisur und das bedrohliche Gewitter, das Komponist Armin Pokorn über der Retortenheimat aufziehen lässt.

"Alle Probleme sind Heimatprobleme", da wäre es doch nahe liegend, die gesamte Heimat ins Ausland zu verfrachten, womit das gesamte Ausland in den Zuständigkeitsbereich des Außenministeriums fiele und "die Leute zu sich selbst auf Urlaub fahren könnten". Da aber das Ausland nicht mitspielt, muss Heimat wie warme Semmeln produziert werden.

Patriotische Blase

Doch die Ministerin wird enttäuscht. In der Zeitlosigkeit wartet sie vergeblich auf Forschungsergebnisse und ihre Rückkehr in die Urheimat. Ministerin und Wissenschafter sitzen in der patriotischen Blase fest. Das Phänomen Heimat entpuppt sich zusehends als künstlicher Raum mit geringer "Realitätsdichte".

Eine Erfolgsbilanz lässt sich die Politikerin allerdings nicht nehmen, denn in ihrer Blase hat sie eine funktionierende Demokratie mit Vereinsgründungen und einer Frauenquote von 50 Prozent vorzuweisen. Eine unheilvolle Götterdämmerung aus atomisierten Wagner-Klängen, die über die beiden "Heimonauten" hereinbricht, bereitet ihrer künstlichen Besiedelung ein - gar zu abruptes - Ende. Alltag raus, Heimat rein.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 2. 2002)

Von
Colette M. Schmidt

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