Frühbarockes Wiedersehen

27. Februar 2002, 20:01
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Nikolaus Harnoncourt dirigierte in Zürich Monteverdi - mit großem Erfolg

Nach einem Vierteljahrhundert dirigierte Nikolaus Harnoncourt in Zürich wieder eine Oper von Claudio Monteverdi und verhalf auch Sängerin Vesselina Kasarova zu einem großen Erfolg.


Zürich - Im eigens "Orchestra La Scintilla" getauften Spezialistenensemble sitzen viele der früheren Musiker, und an seiner instrumentalen Einrichtung der größtenteils nur mit Bass und Gesang überlieferten Partitur hat der Dirigent auch nur wenig verändert. Es ist also eine doppelte Rückkehr des Odysseus in Claudio Monteverdis Il ritorno d'Ulisse in patria. Ist's Nostalgie, wenn Nikolaus Harnoncourt nach einem Vierteljahrhundert in Zürich zum Frühbarock zurückkehrt? Oder versucht das Opernhaus an die Ära Drese anzuknüpfen, nachdem es die Barockoper lange vernachlässigt hatte? Beides gewiss.

Wer aber steht in diesem "Dramma per musica" im Zentrum, der Heimkehrer oder die Verlassene, Odysseus oder Penelope? Zweifellos die Frau! Allein die Leistung von Vesselina Kasarova ist überwältigend: Sie singt diese Lieder der Klage so verinnerlicht, dass sie dabei gleichsam das ganze Werk in ihren Gesang hineinzieht. Und sie macht gleichzeitig die Gefühlsregungen dieser Frau glaubhaft. Penelopes Momente fast romantischen Ausdrucks scheinen Harnoncourt heute am stärksten zu faszinieren.

Ist's die an jüngeren Interpreten geschulte Hörerfahrung, dass einem sein Musizieren weniger rau vorkommt? Gewiss: Die heldenhafte Männlichkeit des Odysseus wirkt stark, Dietrich Henschel zeigt eine facettenreiche Figur, ebenso Jonas Kaufmann als sein Sohn Telemaco. Und die drei Freier (Reinhard Mayr, Martin Zysset, Martín Oro), die Dienerin Melanto (Malin Hartelius) und ihr Liebhaber Eurimaco (Roger Widmer), selbst der effektvoll prahlende Hanswurst Iro (Rudolf Schasching): sie stecken durchaus voller Leben, aber gerade an ihnen zeigt sich doch, wie sehr sich die "authentische Aufführungspraxis" weiterentwickelt hat.

In den 70er-Jahren hatte Jean-Pierre Ponnelle an die spielerischen Formen des Theaters angeknüpft, sie aber zunehmend stilisiert. Klaus Michael Grüber ist nun gewiss nicht der Regisseur für eine Commedia dell'Arte. Seine Inszenierung wirkt sparsam, aber mit ihren verschiedenen Ebenen auch etwas disparat. Zum einen stellt er die Götterszenen und Meerbilder in einen weiten, fast leeren Raum (Bühnenbild: Gilles Aillaud).

Zum anderen siedelt er das Stück in einer Dorfidylle auf Mykonos an. In den Kostümen spiegelt sich ein elegantes Süditalien, und schließlich gibt's mit dem Thespiskarren von Iro auch noch ein Theater im Theater. Mit solchen Einfällen umschifft Grüber heikle Stückpunkte, vor allem die Ermordung der Freier durch Odysseus. Gleichzeitig aber verliert das Werk so etwas von seiner Drastik, sie wird aufgehoben durchs Spiel im Spiel. Penelope gestattet Grüber eine fast japanisch stilisierte Gebärdensprache, die mit Wenigem viel ausdrückt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 2. 2002)

Von
Thomas Meyer

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