Der letzte Tag des Schilling

28. Februar 2002, 12:01
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Der Schilling wurde 77 Jahre alt - Ab Freitag, null Uhr gilt nur noch der Euro

Wien - Wenn das Riesenrad im Wiener Prater heuer in seine 106. Saison startet, wird in der Warteschlange an der Kassa schon nach den neuen Euromünzen gekramt. Erwachsene zahlen 4,36 Euro (60 S), Kinder dürfen für 1,45 Euro eine beschauliche Runde über den Dächern Wiens drehen. Und bald wird sich wohl niemand mehr so genau erinnern, was ein Langos oder ein paar Runden im Autodrom - damals - zu Zeiten des Schilling gekostet haben.

Der letzte Tag des Schilling wird in Österreich kein Trauertag, auch wenn lieb gewonnene Bezeichnungen (ein "Blauer") sinnlos werden, das Umrechnen mit dem Faktor "13,7603" noch viele nervt und die Unsicherheit beim Trinkgeldgeben manche Kaffeehausbesucher recht geizig, andere plötzlich sehr spendabel macht.

Große Zustimmung

Die Tatsache, dass ab Freitag null Uhr nur noch der Euro als gesetzliches Zahlungsmittel fungiert, löst nach neuen Umfragen in der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung (69 Prozent) keine Wehmut aus. In Deutschland weint immerhin jeder zweite Bundesbürger der 130 Jahre alten D-Mark nach.

Vom Kanzler abwärts gab es denn auch viel Lob für die rasche und - fast - reibungslose Umstellung. De facto ging der größte Teil der Schilling-Euro-Umtauschaktion bereits in den ersten zwei Jännerwochen über die Bühne. Von 200 Milliarden Schilling, die die Notenbank ausgegeben hatte, sind 180 Mrd. S zurückgekommen, sagt der zuständige Nationalbankdirektor Wolfgang Duchatczek. Der Rest schlummert in irgendwelchen Sparstrümpfen, verstaubt in dem einen oder anderen Banktresor oder geistert irgendwo im Ausland herum.

Zwei Hoppalas

Nur zwei gröbere Hoppalas wurden bekannt: Just am 2. Jänner versagten alle Bankomaten des Landes ihren Dienst für 65 Minuten. Und Anfang Februar wurde entdeckt, dass Fünf-Euro-Scheine ohne bedruckte Rückseite nach Deutschland geliefert wurden.

Mit dem Aus für den Schilling endet auch die Frist für den kostenlosen Schilling-Euro-Umtausch bei den Banken. Danach ist der kostenlose Umtausch unbefristet und unbeschränkt nur mehr bei den acht Kassen der Nationalbank in den Landeshauptstädten - ausgenommen St. Pölten - und für Münzen bei der Münze Österreich AG möglich.

Gleichzeitig geht auch die Phase der verpflichtenden doppelten Preisauszeichnung zu Ende. Auf freiwilliger Basis haben sich einzelne Handelsketten, Möbelhändler, Versicherungen und Banken aber bereit erklärt die Schillingangaben noch bis zum Sommer zu verwenden.

Arbeiterkammerpräsident Herbert Tumpel befürchtet auch weiterhin verdeckte Preiserhöhungen. "Gerade die schwarzen Schafe werden nicht doppelt auszeichnen. Es besteht wirklich die Befürchtung, dass weiter am Preisrad gedreht wird", so Tumpel. Dabei sagen Wirtschaftsforscher wie Franz Hahn oder Währungsexperte Fritz Breuss, dass die bisherigen Inflationseffekte durch die Euroeinführung de facto zu vernachlässigen sind. Leichter wurden Preisvergleiche innerhalb der Eurozone. Am bestehenden Preisgefüge hat sich allerdings wenig geändert.

Der beliebte Vergleich beim Big Mac zeigt saftige Preisdifferenzen. Vielleicht zum Trost: Am teuersten kommt ein Big Mac in der Schweiz, wo für das meiste lauwarme Laberl umgerechnet 4,28 Euro berappt werden müssen. (Michael Bachner, Der Standard, Printausgabe, 28.02.02)

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