Zweisprachige erzogene Menschen entscheiden nach dem Klang der Worte

27. Februar 2002, 20:00
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Gehirn verhindert einen Konflikt der gespeicherten Wortschätze

London - Zweisprachig erzogene Menschen filtern bereits beim Hören die Worte in der gerade nicht benutzten Sprache aus - und zwar bevor sie ihre Bedeutung verstanden haben. Auf diese Weise verhindere das Gehirn, dass es zu einem Konflikt der gespeicherten Wortschätze kommt, berichtet Thomas Münte von der Universität Magdeburg in der britischen Fachzeitschrift "Nature" (Bd. 415, S. 1026).

Münte und sein Team untersuchten in Hannover und Magdeburg Menschen mit spanischer Muttersprache und solche, die zweisprachig mit Spanisch und Katalanisch aufgewachsen waren. Auf einem Bildschirm wurden den Testteilnehmern dabei in zufälliger Anordnung spanische, katalanische und erfundene sinnlose Wörter gezeigt. Dabei sollte bei jedem spanischen Wort ein Knopf gedrückt werden. Beide Gruppen von Teilnehmern erwiesen sich in dieser Aufgabe als gleich effizient.

Ein zusätzlicher Test mit den zweisprachigen Versuchsteilnehmern bestätigte die selektive Wahrnehmung: Als sie die katalanischen Wörter markieren und spanische oder künstliche Wörter aussortieren sollten, ergab sich kein signifikanter Unterschied beim Ablehnen von Wörtern. Eine gleichzeitige Darstellung der aktiven Gehirnteile mit Hilfe der Magnetresonanztechnik zeigte aber, dass bei den zweisprachigen Versuchspersonen stärker als bei den einsprachigen diejenigen Areale im Kopf beteiligt waren, die mit der klanglichen Verarbeitung in Verbindung gebracht werden.

Dies zeige, dass die Worte, die nicht zur jeweils geforderten "Zielsprache" gehören, bereits abgelehnt wurden, bevor sie auf ihre Bedeutung hin überprüft wurden, berichten die Magdeburger Forscher. Die Zweisprachler bedienten sich eines Tricks, indem sie sich nicht vom Schriftbild zur Bedeutung des Wortes führen ließen, sondern ein "innersprachliches Lautbild" erzeugten, sagte Münte. "Sie können auf diese Weise eine Sprache an- und die andere Sprache abschalten."

Auch wenn frühere Forschungen gezeigt hatten, dass verschiedene Sprachen zum Teil in den gleichen Hirnregionen verarbeitet werden, zeigten diese Ergebnisse doch, dass das jeweilige "Lexikon" im Kopf bereits früh in der Reaktionskette abgeschaltet werde. Dies beruhe möglicherweise schon auf dem empfundenen "Klang" der gelesenen Worte, schließen die Forscher. Je nach geforderter Zielsprache werden nur jeweils andere Zugriffswege auf den gespeicherten Wortschatz gewählt. (APA)

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