"Männer leiden, weil sie herrschen müssen"

27. Februar 2002, 09:39
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Die umstrittene französische Autorin Christine Angot hat mit Feminismus wenig am Hut

Wien - Unter dem Motto "Frauen - Was nun?" fragt die diesjährige Ausgabe des Literaturfestivals "Literatur im März" (7. bis 10. 3.) nach dem Status Quo der Frauenbewegung - und lädt dazu unter anderem die vieldiskutierte französische Erfolgsautorin Christine Angot zur Lesung (7. 3., 21 Uhr).

Roman "Inzest"

Mit ihrem zwischen Belletristik und Autobiografie - mit deutlicher Schlagseite zu Letzterem - angesiedelten Roman "Inzest", bei dem eine Vater-Tochter-Beziehung und die darauf folgende lesbische Liaison mit einer älteren Ärztin im Detail beschrieben werden, sorgte sie für einen (weiteren) französischen Literaturskandal. Mit dem Feminismus hat sie wenig am Hut, sagte Angot.

"Ich bin in keiner Gruppe"

"Ich schreibe, um zu zeigen, dass ich in keiner Gruppe bin. Also auch nicht in der Gruppe der Feministinnen", so Angot. "Wenn man in einer Gruppe ist, wird im Diskurs alles eliminiert, was dem Intimen und damit der Literatur angehört. Literatur zu schaffen heißt notwendigerweise, auf diesen Diskurs zu verzichten".

Die 1959 in Chateauroux, einem 50.000 Seelendorf im Centre, geborene Autorin brachte in "Inzest", ihrem siebenten Roman, das Allerintimste an die Öffentlichkeit: drei Monate einer tristen lesbischen Beziehung mit der Ärztin Marie-Christine sowie Jahre des Inzests und der damit verbundenen seelischen und emotionalen Überlastung zwischen Schuld, Selbsthass, Lust und Wahnsinn. Der reale Hintergrund und vor allem die handelnden Personen waren an Hand von nur gering verfremdeten Namen für die skandalfreudige (Medien-)Öffentlichkeit leicht entschlüsselbar. Angot musste ihre Wahlheimat Montpellier mit ihrer Tochter Leonore, der "Inzest" gewidmet ist, verlassen.

Vierzehn Jahre ist Angots Alter Ego in "Inzest", als der elegante und viel gereiste Vater in ihr Leben tritt - und sie ansatzlos in einen Teufelskreis wirft, der sich immer schneller um gesuchte Anerkennung durch den Vater, Ekel und Selbstanklage, Macht und Ohnmacht zu drehen beginnt. Und jahrelang weiter dreht. Hauptthemen bleiben über das gesamte Buch die Machtverhältnisse und ihre Folgen, die Frage danach, wer in dem inzestuösen und im lesbischen Verhältnis herrscht, wer beherrscht wird.

Frage nach Macht der Frauen

Differenziert sieht Angot auch die Frage nach der gesellschaftlichen Macht der Frauen, zu der "Literatur im März" fragt, inwiefern sich diese in den letzten 20 Jahren - durch Globalisierung, Neue Medien, New Economy - verändert hat. Wesentlich waren diese Änderungen für Angot nicht: "Es sind nicht die Frauen - oder die Männer - von heute, die ein spezielles Problem haben. Die Probleme sind schon sehr lange die gleichen", relativiert sie die Bedeutsamkeit der Entwicklungen der vergangenen Jahre.

Anlehnung an Pierre Bourdieu

Angot zitiert den kürzlich verstorbenen französischen Soziologen Pierre Bourdieu, der das gesellschaftliche Hauptproblem in seinem Buch 'La Domination Masculine' (dt. 'Die männliche Herrschaft', Anm.) "wunderschön treffend beschrieben" habe: "Die Männer leiden enorm unter ihrer eigenen Herrschaft, sie werden von ihrer Herrschaft beherrscht. Und damit leidet die ganze Gesellschaft unter den Machtverhältnissen: Die Frauen, weil sie offensichtlich beherrscht werden, und die Männer, weil sie herrschen müssen". (APA)

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