Radioaktive Strahlung gegen Schlafkrankheit

26. Februar 2002, 20:18
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Die Tsetsefliege soll mittels Sterilisationstechnik ausgerottet werden

Wien - "Auf lange Sicht soll die Tsetsefliege in ganz Afrika ausgerottet werden, das hat die Organisation für Afrikanische Einheit gerade beschlossen", berichtet Entomologe Jorge Hendrichs von der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) in Wien dem STANDARD: "Wir wollen mit unserer ,Sterile-Insekten-Technik' dabei helfen."

Die stubenfliegengroßen Blutsauger bringen Afrika - es gibt sie nur dort - gleich zwei Plagen: Sie übertragen die Schlafkrankheit auf Menschen und Nagana, ein ähnliches Leiden, auf Rinder. 60 Millionen Menschen sind laut Weltgesundheitsorganisation WHO bedroht, nur drei bis vier Millionen haben Zugang zu ärztlicher Versorgung. Unter ihnen wurden 1999 45.000 Fälle gemeldet und viele therapiert. Die unversorgten Übrigen - geschätzte 500.000 - haben Sterberaten, die regional die von HIV übertreffen.

"Armutskrankheit"

"So schlimm das ist, Nagana ist noch schlimmer", erklärt Hendrichs, "wir nennen sie die ,Armutskrankheit', weil sie in ganzen Regionen die Landwirtschaft be- oder verhindert." Rinder erbringen nur geringe Leistung - eine Kuh etwa einen Liter Milch pro Tag - oder können überhaupt nicht eingesetzt werden. Vor allem als Zugtiere auf den Feldern fehlen sie.

Kann man Regionen von Tsetse befreien, blüht die Landwirtschaft auf. Das zeigte sich auf Sansibar, wo die IAEO mit ihrer Methode die Fliegen von 1994 bis 1996 ausrottete: Man züchtet in großem Stil Tsetsemännchen, sterilisiert sie durch radioaktive Strahlung und setzt sie großflächig frei, auf dass sie sich mit wilden Weibchen paaren und sie nachkommenslos machen. "80 bis 100 werden vom Flugzeug aus pro Quadratkilometer und Woche abgeworfen", berichtet Hendrichs, "und sie sollen die Männchen der Wildpopulation verdrängen."

Das braucht zunächst Chemie: Die Wildbestand muss erst mit Insektiziden um 90, 95 Prozent gedrückt werden, weil die - schwer zu züchtenden - Tsetsefliegen ihre wilden Artgenossen nur verdrängen können, wenn sie in riesiger Überzahl sind. In Sansibar wurden Hunderttausende bis Millionen freigesetzt.

Und dann braucht es Geduld: Das Vorbild Sansibar ist eine Insel. Frühere Versuche auf dem kontinentalen Afrika sind gescheitert, weil die Aktionen mangels Geld vorzeitig eingestellt wurden und Tsetsefliegen aus dem Umland neu einwandern konnten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 2. 2002)

Von Jürgen Langenbach
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    foto: der standard
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