"Sparen - wir zeigen, wie das geht"

27. Februar 2002, 13:28
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Ein Interview mit Stermann & Grissemann als erschütterndes Dokument einer Überforderung

Im Gespräch mit Claus Philipp fragen sich die beiden Herren, ob es wirklich lustig ist, am Eurovision Song Contest teilzunehmen zu wollen.

Wenn nichts mehr schief geht (und es kann, ganz im Ernst, noch einiges schiefgehen), dann steht Österreich am Freitag Das schönste Ding der Welt bevor.

Damit ist selbstverständlich nicht die österreichische Vorausscheidung für den Eurovision Song Contest gemeint, die am Freitagabend vom ORF ausgestrahlt wird, sondern: Dieses Lied, angeblich handfester "Bauern-Techno", singen bei dieser Vorausscheidung die FM4-Moderatoren und Komiker Dirk Stermann und Christoph Grissemann - und nicht nur das: Auf FM4 wollen sie den ganzen Zirkus auch moderieren. Und wenn sie es bis zur Songcontest-Gala im Mai in Tallinn schaffen, wollen sie auch dort in Mehrfachfunktion tätig sein . . .

STANDARD: Vor ein paar Wochen kam über die Agenturen eine Meldung, dass die Gala in Tallinn noch nicht ausverkauft sei, weil sich viele Esten die Tickets nicht leisten können.
Stermann: Wirklich? Wahrscheinlich ist Estland unter allen Ländern, die jemals Songcontestsieger hervorgebracht haben, das sympathischste. Ein Trinkerland.
Grissemann: Und eine Woche lang im Vorfeld der Gala quer durch Tallinn zu trinken . . .
Stermann: Fritz Ostermayer, unser Komponist, meint, dass wir da nach drei Tagen im Krankenhaus liegen werden.

STANDARD: Was und wie war eigentlich im Vorjahr das estnische Siegerlied?
Grissemann: Das waren zwei junge Männer: ein Schwarzer und ein Este, oder so. Und die haben gesungen.

STANDARD: Ein schwarzer Este?
Stermann: Ich weiß auch nicht mehr so genau: ein US-Este möglicherweise.
Grissemann: Oder Afro-Este. Und die haben gesungen.

STANDARD: Euer Plan wäre nun, zu singen und zu moderieren.
Stermann: Das Lied ist eher eine erweiterte Moderation.
Grissemann: Wenn wir es wirklich schaffen sollten, die Vorausscheidung, die wir auch live moderieren, zu gewinnen, dann würden wir auch in Estland Fernsehgeschichte schreiben: Vor hundert Millionen Zusehern aus der Sprecherkabine zu rennen, aufzutreten, dann wieder in die Kabine zu rasen . . .

STANDARD: Die totale Selbstmoderation also. Als müsste Armin Assinger nicht zuerst seine Rennläufer-Laufbahn beenden, um für den ORF-Abfahrten zu kommentieren.
Stermann: Genau. Am Küniglberg muss ja ohnehin überall gespart werden. Da helfen wir mit. Wir zeigen, wie das geht.

STANDARD: Angeblich seid ihr euch in heftigen Auseinandersetzungen aber immer wieder uneinig über die Sinnhaftigkeit dieser Songcontest-Teilnahme.
Stermann: Die Leute, die das kritisch sehen, haben überwiegend Recht. Anders als Stephan Raab oder Gildo Horn sind wir ja keine Musiker, sondern wirklich nur Moderatoren, und da ist die Gefahr der Peinlichkeit schon sehr groß. Wir führen in gewissem Sinne ja nur eine Sache von vor zwei Jahren fort: Damals haben diese alternden Dänen, die Olsen Brothers, gewonnen, und da meinten wir in unserer Moderation auf FM4: "Die sehen so aus wie wir in zehn Jahren. Das sind also wir. Und wir haben jetzt gewonnen."
Grissemann: Jetzt verlassen wir aber diese distanzierte, sichere Position und begeben uns direkt in die Schlangengrube. Und das kann sehr, sehr schief gehen.
Stermann: Mich erinnert es an meinen Philosophielehrer, der sagte: Geht zur Bundeswehr, weil es wichtig ist, das da auch kritische Menschen dabei sind. Ich bin also hin, habe aber schnell gemerkt, dass das nicht geht: als Außenstehender dabei sein. Ich trug ja doch auch die Uniform. So ähnlich ist es mit dem Songcontest vielleicht auch.

STANDARD: Das ist aber das alte Problem von Stermann/Grissemann: Letztlich seid ihr bei aller Belustigung über Russwurm und Co. ja doch auch ORF-Mitarbeiter.
Grissemann: Es war immer eine Gratwanderung bei uns. Aber in diesem Fall fühle ich mich schon unbehaglich. Ich weiß bis zum heutigen Tag eigentlich nicht, was das für einen Sinn hat, in einem Kontext unfreiwilliger Komik komisch zu sein. Das geht kaum.

STANDARD: Es ist ja weitgehend auf den deutschen Sprachraum beschränkt, sich auch "offiziell" über den Contest lustig zu machen.
Stermann: Nein. In Slowenien haben gerade zwei als Stewardessen verkleidete Drag Queens die Vorausscheidung gewonnen. Es gibt dort jetzt eine parlamentarische Anfrage, ob es da mit rechten Dingen zuging. In England wiederum wird der Songcontest überhaupt nicht mehr wahrgenommen. Es gab in den letzten Jahren keinen Sieger, der nur ansatzweise international Erfolg hatte.

STANDARD: Trotzdem schauen Millionen von Menschen zu.
Stermann: Ja, weil die bloße Behauptung ausreicht, dass das ein Ereignis ist. Wie beim Villacher Fasching.
Grissemann: Oder Weihnachten. Wenn das monatlich stattfände, wär's kein Ereignis.

STANDARD: Gegen wen tretet ihr in der Vorausscheidung an?
Grissemann: Gegen zwei, drei Girlie-Pop-Bands zum Beispiel. Mit uns stehen Fritz Ostermayer und Chrono Popp auf der Bühne: gemütliche Sauftypen. Völlig ungebräunt und untrainiert. Wahrscheinlich werden wir während der Performance sitzen. Gemeinsam sind wir so alt wie alle anderen Teilnehmer zusammen.
Stermann: Wir wissen ja jetzt noch immer nicht wirklich, wie unser Lied geht. Heute beim Frühstück habe ich überlegt, wie es anfängt. Es ist mir aber nicht eingefallen.
Grissemann: Diese Unfähigkeit und Überforderung kann man aber nicht mehr ironisieren.
Stermann: Aber man kann den Aufwand ironisieren, der da betrieben wird. Allein für die Vorausscheidung muss man dreimal am Tag proben. Und dann hat der ORF noch ein paar Gesetze erlassen, ein Regelwerk, von dem 90 Prozent auf uns gemünzt sind: kein Alkohol auf der Bühne. Kein Publikum auf die Bühne. Keine Doubles auf die Bühne. Keine Moderation auf der Bühne. Sonst: sofortige Disqualifikation. Das ist lustig. Grissemann: Oder auch nicht.
Stermann: Ich finde es halt witzig, wenn Menschen aus der FM4-Welt in die Hochglanz-Welt einbrechen.
Grissemann: Unter dem Motto kannst du aber auch bei einem Sex-Klamauk-Film mitmachen. Ich unterstelle dir . . .
Stermann: . . . nicht schon wieder Mediengeilheit, bitte, das ist doch lächerlich!
Grissemann: Mediengeilheit sowieso. Aber du durchdenkst das auch zu wenig.

STANDARD: Ist solches Sichdistanzieren im Vorfeld nicht . . .
Stermann: Christoph lügt jetzt nicht, wenn er das sagt. Er ist wirklich dagegen. Seine Mutter auch. Sie ruft regelmäßig an und beschwört ihn: "Tut es nicht!" Mein Vater sagt auch, das sei idiotisch.

STANDARD: Wenn ihr es aber bis Estland schafft, wird dann im Orchestergraben wieder ein Dirigent mit Kopfhörern stehen, so wie das früher Richard Österreicher gemacht hat?
Stermann: Nein, Musik wird jetzt vom Band eingespielt.

STANDARD: Was? Das ist ja . . .
Stermann/Grissemann (im Chor): . . . ewig schade! (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 27. Februar 2002)

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