Causa Frad: Nicht einfach auf Urlaub

26. Februar 2002, 20:31
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Von Conrad Seidl

Man stelle sich vor: Da bekommt ein Beamter jahrelang seine Bezüge gezahlt, obwohl er nie an seinem Schreibtisch im Ministerium ist. Er macht dabei alle Gehalts-und Karrieresprünge mit. Die Amtstitel fliegen ihm mehr oder weniger nebenbei zu. Und all das fällt erst auf, als der gute Mann, ganz korrekter Beamter, neuerlich um Sonderurlaub ansucht, um seine Dienstzeit künftig im Hauptverband der Sozialversicherungsträger absitzen zu können.

Das stinkt nach Privilegienskandal. Und die Vizekanzlerin geht forsch daran, das Institut des Sonderurlaubs ganz abzuschaffen. Dabei wird das allgemeine Verständnis von Urlaub als einer unbeschwerten Zeit der Muße und Rekreation unterstellt. Zwölf Monate, wahlweise Palmenstrand oder Pulverschnee.

Die Realität sieht anders aus. Herwig Frad, der jahrelang beurlaubte Gewerkschafter, hat seinen so genannten Urlaub in einem ziemlich grauen Bürohaus in der Wiener Teinfaltstraße verbracht, wo er als Gewerkschaftsfunktionär im Schnitt wohl auf mehr als 40 Arbeitsstunden pro Woche gekommen sein dürfte. Das Privileg, das er genossen hat, bestand allenfalls darin, dass ihn nicht sein unmittelbarer Vorgesetzter in der Gewerkschaft (das wäre der jeweilige Vorsitzende der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst), sondern der Bund bezahlt hat.

Das aber hat wiederum mit dem besonderen Status des öffentlichen Dienstes zu tun: Als einziger Berufsstand in Österreich haben die öffentlich Bediensteten keine gesetzliche Vertretung. Die Finanzierung der Gewerkschaftsfunktionäre ist historisch als Ausgleich dafür entstanden, dass die Gewerkschaft gleichzeitig auch Funktionen eines Zentralbetriebsrats und einer Kammer wahrnimmt.

All das weiß die Regierung natürlich - aber die Gelegenheit, unter dem Vorwand des Privilegienabbaus die Gewerkschaft zu schwächen, lässt sie sich natürlich nicht entgehen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 27.2.2002)

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