"Heimonauten" mit Laib und Seele

26. Februar 2002, 21:16
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Rudi Widerhofers "Heimatmaschine" in Graz

Von Colette M. Schmidt


Graz - Nun gilt es als gesichert: Das Wesen der Heimat ist ein teigiges, bestehend aus (Brot-) Laib und Seele. Wer es mit allen Sinnen erfahren will, kann das in einem Container auf dem Grazer GKB-Parkplatz, wo sonst Zirkusleute ihre Zelte aufschlagen. Dort wirft ein kongeniales Team die würfelförmige Heimatmaschine an.

Autor und Schauspieler Rudi Widerhofer hat für sein gleichnamiges Stück eine Art Versuchsstation erdacht, in der er als Wissenschafter gemeinsam mit einer Politikerin (Martina Kolbinger-Reiner) stationiert ist. Das Ziel ist die Bekämpfung der "Heimatschrumpfung".

Gebaut wurde die Theatermaschine von La-Strada-Chef Werner Schrempf. Für die Innenausstattung hat Erika Thümmel Fließen, Stühle und einen Tisch aus Sauerteig geschaffen. Ein frisch gebackenes Bühnenbild, dessen Duft die Zuschauer gefangen nimmt, die durch Bullaugen aus dem Heimatschiff auf die Peripherie blicken. Dort draußen wandelt der selbstgerechte Wissenschafter am Strand unweit von "Kornspitz-Riffs" und "Teigbrechern". Oder ist es Barba-Papa, der sich in ein Stück Gmundner Keramik verwandelt hat (groteske Kostüme von Sabina Pinsker)?

Drinnen wartet eine genervte Ministerin. Ihre nervöse Verbitterung baut sich auf wie ihre blaue Turmfrisur und das bedrohliche Klanggewitter, das Komponist Armin Pokorn über der Retortenheimat aufziehen lässt.

"Alle Probleme sind Heimatprobleme", da wäre es doch nahe liegend, die Heimat ins Ausland zu verfrachten, womit das gesamte Ausland in den Zuständigkeitsbereich des Außenministeriums fiele und "die Leute zu sich selbst auf Urlaub fahren könnten." Weil aber das Ausland da nicht so gerne mitspielt, muss Heimat wie warme Semmeln reproduziert werden.

Götterdämmerung

Doch die Ministerin wird enttäuscht. Sie wartet vergeblich auf Forschungsergebnisse und ihre Rückkehr in die Urheimat. Während Wladimir und Estragon wenigstens Passanten treffen, sitzen die Ministerin und der Brot kauende Wissenschafter wie ein streitendes Ehepaar in der Blase fest. Das Phänomen Heimat entpuppt sich zusehends als künstlicher Raum mit geringer "Realitätsdichte".

Eine Erfolgsbilanz lässt sich die Politikerin allerdings nicht nehmen, denn in ihrer Blase hat sie eine funktionierende Demokratie mit Vereinsgründungen und einer Frauenquote von 50 Prozent vorzuweisen. Eine unheilvolle Götterdämmerung aus atomisierten Bruckner-Klängen, die über die beiden "Heimonauten" hereinbricht, bereitet ihrer künstlichen Besiedelung ein - gar zu abruptes - Ende.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 2. 2002)

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