"From Hell": Fürsten der Finsternis

28. Juli 2004, 12:19
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Johnny Depp enttarnt Jack the Ripper

Wien - Wenn das Treppchen einladend aus dem Kutscheneinstieg rattert, dann klingt dieser metallene Ton wie ein Verweis auf jene Torturen, die auf die weiblichen Passagiere alsbald zukommen werden. Jack the Ripper geht um in London anno 1888 und lockt ahnungslose leichte Mädchen in sein düsteres Gefährt.

Die Regiezwillinge Albert und Allen Hughes, um die es nach ihrem viel beachteten Debüt Menace II Society (1993) mit dessen missglücktem Nachfolger Dead Presidents (1995) eher ruhig geworden war, haben nun die Comicvorlage von Alan Moore und Eddie Campbell für die Leinwand adaptiert: From Hell, der zu den Jack-the-Ripper-Morden eine ausgeklügelte Verschwörungstheorie entwirft, die bis in den Buckingham Palace führt.

Den Schrecken der Morde zeichnet From Hell vergleichsweise zurückhaltend: düstere Schnellschnittsequenzen, in denen eine Klinge aufblitzt, digital verfremdete, fragmentarische Aufnahmen von blutigen Wunden, aufgebahrte Leichen, deren Anblick (und dessen Effekt) großteils den im Film Agierenden vorbehalten bleibt.

Die Hughes Brothers setzen bei der visuellen Umsetzung auf Hightech, und der Film reflektiert diese Herangehensweise: Ihre spektakuläre Vergangenheitsinszenierung legt - im Unterschied zu klassischen Kostümdramen - weniger Augenmerk auf die Beziehungen der Protagonisten zueinander oder auf deren (psychologische) Profilierung.

Viel mehr interessiert sie sich für ein Aufspüren der Vorläufer jener Techniken, Erklärungsmodelle und Begleiterscheinungen, deren spätere Ausformungen noch heutige vergleichbare Erzählungen prägen: Gerichtsmediziner und andere "Sachverständige" treten auf, die Spurensuche verzeichnet noch die unscheinbarsten Details - und auch die Paparazzi drängeln sich am Tatort.

Francis Ford Coppolas Dracula (1992), der das England des ausgehenden 19. Jahrhunderts quasi frei nach Friedrich Kittlers medientechnologisch angeleiteter Bram-Stoker-Lektüre auf die Leinwand brachte, wirkte in dieser Hinsicht wohl stilbildend. Aber auch Tim Burtons Sleepy Hollow, der - ebenfalls - Johnny Depp auf Mörderjagd schickte, war darauf bedacht, dem vermeintlich unerklärlichen Geschehen einen "modernen" Ermittler gegenüberzustellen.

In From Hell bewegt sich der elegische Polizeiinspektor Abberline (Depp) wie ein abgeklärter Film-Noir-Detective oder ein psychisch angeschlagener Profiler auf den Spuren des Rippers durch die verdreckten, nächtlichen Gassen von Whitechapel.

Foto: Centfox
Paparazzi, Johnny Depp, Robbie Coltrane

Seiner seherischen Begabung hilft er zusätzlich mit Absinth und Opium auf die Sprünge, entwirrt so allmählich die Zusammenhänge - und bleibt dabei der einsame Höhepunkt des Films.

Die Dekors oder auch die vordergründige Zeichnung des sozialen Elends wirken mitunter allerdings wie aus einer Dickens-Adaption fürs Fernsehen. Und romantische Lichtgestalten wie Heather Graham erscheinen schlicht als Fehlbesetzung.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 2. 2002)

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