"Fortpflanzungstechnik macht Frauen selbstständiger"

26. Februar 2002, 12:21
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Carl Djerassi, "Vater" der Pille: Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern werden sich verschieben

Leverkusen - Die modernen Fortpflanzungstechniken werden nach Ansicht des Anti-Baby-Pillen-Erfinders Carl Djerassi die Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern deutlich verschieben. "Die Frauen in den westlichen Industrieländern werden künftig noch selbstständiger über Nachwuchs entscheiden als heute, Männer werden in dieser Hinsicht unwichtiger", sagte der Stanford-Professor für Chemie (US-Bundesstaat Kalifornien) am Montagabend in Leverkusen.

Biologische Uhr außer Kraft setzen

"Frauen werden ihre Eizellen in jungen Jahren einfrieren lassen, um dann auch mit über 40 noch ein Kind bekommen zu können. Dadurch wird die biologische Uhr quasi außer Kraft gesetzt", so der 78-Jährige. Weltweit seien bereits mehr als 100.000 Kinder mit der ICSI-Methode gezeugt worden, der so genannten Intracytoplasmatischen Spermien-Injektion. Dabei wird ein einzelnes Spermium in einem Reagenzglas in eine Eizelle eingebracht.

Wunschkindproduktion

"Das 1991 in Belgien entwickelte ICSI-Verfahren wird die Rolle des biologischen Vaters gehörig verändern, nur sein Samen ist noch wichtig", sagte Djerassi, der in den fünfziger Jahren synthetische Hormone entwickelte und damit der Anti-Baby-Pille den Weg bahnte. Ursprünglich sei die ICSI-Methode für unfruchtbare Paare entwickelt worden. "Aber alles deutet darauf hin, dass auch gesunde Menschen das Reagenzglas-Verfahren für die Wunschkindproduktion zum passenden Zeitpunkt nutzen werden."

Kinder nach der Karriere

Djerassi, der sich selbst als "männlicher Feminist" bezeichnet, betonte, dass Frauen im Nachklang der Emanzipationsbewegung immer später und immer weniger Kinder bekämen. "Kinder und Karriere schließen sich noch immer aus, deshalb verzichten viele Frauen auf Nachwuchs." Die neuen Fortpflanzungstechniken erlaubten es jedoch auch älteren Frauen, noch schwanger zu werden. "Schon in zehn bis 20 Jahren werden Frauen davon rege Gebrauch machen." (APA/dpa)

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