Ganztagsschulen statt Hausfrauen

1. März 2002, 13:12
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Bevölkerungs- wissenschafter Münz widerlegt Hauptsche Thesen zu Kindergeld und Wohlstand

Wien - "Die höchsten Geburtenraten gibt es in Staaten mit der höchsten Frauenerwerbsquote - etwa in Frankreich oder in den skandinavischen Ländern." Der Wiener Bevölkerungswissenschafter Rainer Münz, Professor in Berlin, kann die im STANDARD von Sozialminister Haupt geäußerte These, wonach Wohlstand Egoismus und Kinderlosigkeit erzeuge, nicht bestätigen.

Eine Frage der Organisation

Genauso wenig teilt er Haupts Ansicht, dass das Kindergeld etwas bewirken werde: Nachwuchs zu bekommen sei in den Industriestaaten weniger eine Geld- als eine Organisationsfrage. Denn es seien gerade die hochgebildeten Frauen, die kinderlos bleiben, meint Münz. Er fordert daher Erleichterungen für Eltern, die ihre Kinderbetreuung privat organisieren, und Ganztagsschulen. Denn wenn die Kinder "ab zwölf daheim sitzen und ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht haben", sei dies ein starkes Hemmnis für die Vollerwerbstätigkeit beider Elternteile - oder eben schon für's Kinderkriegen.

Diskriminierung kinderreicher Familien ist Faktum

In dasselbe Horn stößt der Wiener Gynäkologe Christian Fiala, der federführend daran beteiligt war, die Abtreibungspille Mifegyne nach Österreich zu bringen: "Das Kindergeld ist ein mechanistischer Ansatz, der davon ausgeht, Frauen würden sich Kinder kaufen lassen." Außerdem stelle sich jemand, der drei Jahre aus der Firma aussteige, ins berufliche Abseits. In Frankreich etwa sei die Babykarenz viel kürzer - doch danach gebe es ein Netz an Betreuungsmöglichkeiten. Es gehe ja nicht darum, die Kleinen von früh bis spät dort hineinzustecken, sondern darum, solche Einrichtungen je nach Bedarf in Anspruch nehmen zu können, sagt Fiala.

In Österreich fehle es zudem an einem wirklich kinderfreundlichen Klima. Verbal gebe es zwar "zuhauf Bekenntnisse" dafür. Doch de facto würden Menschen mit mehreren Kindern im öffentlichen Leben diskriminiert.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.2. 2002)

Von Martina Salomon
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