Kommentar: "Verzwickte Verzweckung"

25. Februar 2002, 19:53
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von Roland Schönbauer

Geben wir uns einmal kurz ganz dem Human Touch des Boulevard hin: Ein Retortenbaby soll seinem sterbenskranken Geschwisterchen das Leben retten. Und die Mama nimmt die dafür benötigten riesigen Hormondosen auf sich. Lässt sich Embryo um Embryo einpflanzen, bis endlich das Baby mit der passenden Nabelschnur zur Welt kommt. Und die britische Behörde ist so lieb, die dafür nötige Embryoselektion ausnahmsweise zuzulassen.

Wie so oft bei einem - zweifellos dramatischen - Anlassfall scheint alles klar: Da muss man dafür sein. Was ist gegen das Leben des jungen Buben schon das akademisch anmutende Problem der Verzweckung des Menschen? Was die Fundamentalkritik "Maßmensch"? Was die Zerstörung der Embryonen ohne passende Blutdaten?

Also die Präimplantationsdiagnostik (PID) erlauben? Das befriedigt das weit verbreitete Bedürfnis nach klaren ethischen Wegweisern natürlich nicht. Aber der rechtliche Status quo ist keine Alternative: Ein späterer Gencheck des Embryos im Mutterleib ist legal - die typisch österreichische, hatscherte "Lösung". Bei Behinderung wird dann meist abgetrieben. Gravierender Unterschied für den Embryo: In vitro hätte er nichts gespürt (und seine Mutter sich einen schweren Eingriff erspart). Wenn es also um ihn und nicht um ein Moraloptimum geht, wird man wohl pragmatischer sein müssen. Dafür besonders hilfreich: trotz Betroffenheit nuancierte Positionen wie die der Ethikerin Ina Wagner. Sie will genau analysieren, wer jeweils noch ein Interesse an einem "Fall" hat - ehrgeizige Ärzte etwa.

Aber vor der Teilfreigabe der PID sind Grundfragen zu klären: Was tut die Gesellschaft begleitend gegen soziale Ächtung wegen "vermeidbarer" Kinder? Was gegen ökonomischen Druck? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 2. 2002)

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