Vom Ende der populistischen Revolution

28. Februar 2002, 15:14
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Die serbische Dramaturgin Borka Pavicevic kämpfte schon zur Zeit des Milosevic-Regimes gegen den Wahn an. Mit ihr sprach Andrej Ivanji.

DER STANDARD: Was halten Sie von Milosevic' Verteidigung vor dem Tribunal? Pavicevic: Indem Milosevic hauptsächlich über das Bombardement der Nato und die Verbrechen der albanischen "Kosovo-Befreiungsarmee" (UCK) spricht, schreibt er die vorherigen neun Jahre einfach um. So tauscht er Ursache und Wirkung aus.

Milosevic macht genau das, was er schon immer gemacht hat: Er stellt sich als der Führer dar, der dem Willen des Volkes gefolgt ist, als ob es bei dem Prozess um keine individuelle, sondern um eine kollektive Schuld ginge. Das ist genau die Methode, mit der er an die Macht gekommen ist. Viele Menschen hier glauben, dass sie Serbien und das Serbentum verteidigen, indem sie ihn verteidigen.

DER STANDARD: Unternehmen die neuen Behörden etwas dagegen? Pavicevic: Recht wenig. Sie haben zu Milosevic' Weltanschauung keinen klaren Bruch geschaffen. Wenn die Offiziere, die Vukovar zerstört haben, in Serbien immer noch in Freiheit sind, heißt das dann, dass es für die Politiker, die heute an der Macht sind, in Ordnung war, Vukovar zu zerstören? Die logische Antwort, ob man es hören will oder nicht, ist ja.

So wie Milosevic den Menschen hier eine kollektive Schuld unterstellen will, drängen die neuen Machthaber dem Volk ein Schamgefühl auf. Denn indem sie mit der Auslieferung der wegen Kriegsverbrechen Angeklagten zögern, schaffen sie den Eindruck, dass diese verkauft werden, dass Serbien nur wegen versprochener Kredite mit Haag zusammenarbeitet, und das ist widerlich. So werden die Menschen entmutigt, so wird Depression geschaffen.

DER STANDARD: Ist es sinnvoll, sich so viel mit der Vergangenheit zu beschäftigen? Pavicevic: Man hört oft von Politikern, dass wir die Vergangenheit vergessen und uns der Zukunft zuwenden sollten, als ob das eine vom anderen zu trennen wäre. Die Frage der Vergangenheitsbewältigung in Serbien ist nicht institutionalisiert, aber die Vergangenheit ist wichtig, um uns mit der Gegenwart und der Zukunft zu verbinden.

Jetzt stehen wir mit zehn Jahren Verspätung vor der Transition. Es ist aber zuerst notwendig, dass die Menschen verstehen, was überhaupt in diesem Land geschehen ist. Wenn man das überspringt, bleibt bei den Menschen ein Gefühl der Vergänglichkeit, sie können nicht an die Beständigkeit ihrer Situation glauben. Zwischen dieser unverarbeiteten Vergangenheit und der ungewissen Zukunft, mit einer durch die Medien manipulierten Gegenwart wissen die Menschen einfach nicht, wo sie sich eigentlich befinden.

DER STANDARD: Was kann der Prozess in Haag verändern? Pavicevic: Er kann Menschen das Gefühl zurückgeben, dass sie für ihre Handlungen verantwortlich sind. Indem Verbrecher bestraft werden, wird diesem Volk beigebracht, dass sich Verbrechen nicht auszahlen. Wenn sie heute Milosevic' engste Mitarbeiter im Parlament sehen, kann das Volk nur denken, dass diese nichts Böses getan haben. Ein großer Fehler war, dass kein Gesetz über Lustration verabschiedet worden ist, ein Gesetz, das Menschen, die im Regime Milosevic politisch aktiv waren, das Recht auf öffentliches Leben untersagt.

Es wäre einfach korrekt, wenn die Leute, die Milosevic' Kriegshetzerei hinausgetragen haben, das Maul halten. Ich glaube, dass der Aufstand gegen Milosevic nicht durch dessen Kriegspolitik ausgelöst wurde, sondern weil es den Menschen miserabel ging.

DER STANDARD: Wie sehen Sie die Zukunft Serbiens? Pavicevic: Die nationalistische Euphorie in Serbien, diese populistische Revolution, ist beendet. Um jetzt eine Katharsis zu erleben, müsste es zu einer Erkenntnis der Niederlage kommen. Wir schweben immer noch auf einem Teppich, und es gelingt uns nicht, in der Realität zu landen. Es findet sich keiner in diesem neuen Regime, der sagt: Hört zu Leute, wir haben einen Fehler gemacht, mit diesem nationalistischen Wahn ist es endgültig vorbei.

Der Witz aber liegt darin, dass Präsident Vojislav Kostunica das überhaupt nicht so empfindet. Sie können von ihm nicht erwarten, sich im Namen der Serben für irgendetwas zu entschuldigen, wenn er überzeugt ist, sich für nichts entschuldigen zu müssen. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 26.2.2002)

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