Opfer-Wahrscheinlichkeit liegt bei zehn Prozent

26. Februar 2002, 08:43
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Vergewaltigung bewirkt neben Traumata bleibende biologische Veränderungen im Gehirn der Opfer

Wien - Die Wahrscheinlichkeit für Mädchen und Frauen, einmal im Leben Opfer von sexueller Gewalt zu werden, liege bei fast zehn Prozent, erklärt Maria Steinbauer von der psychiatrischen Uniklinik in Graz. Und mehr als 50 Prozent der Betroffenen erkrankten danach. Langfristig ergebe sich daraus ein sechsmal höheres Risiko für Depressionen, die Häufigkeit von Angststörungen vervierfache sich, und die Selbstmordrate sei mit 20 Prozent höher als bei Depressiven.

Gewalt gegen Frauen und Kinder führt wie auch Unfälle oder Katastrophen meist zu "posttraumatischen Belastungsstörungen" bei den Opfern, die nicht selten ein Leben lang darunter leiden. Forschungen haben nun ergeben, dass sich nach solchen Traumata im Gehirn der Betroffenen biologische Veränderungen abspielen.

Man-made-Trauma

Am ärgsten sei es, wenn der Mensch zum Feind des Menschen werde, erklärt David Vyssoki, ärztlicher Leiter des Wiener Zentrums für Psychotraumatologie (ESRA): "Bei einem Unfall oder einer Katastrophe kann man sich langsam daran gewöhnen. Viel brutaler ist das Man-made-Trauma wie Misshandung und sexualisierte Gewalt. Vor allem wenn sie wiederholt, lang andauernd sind und man nie weiß, wann sie wieder passieren." Jahrelang können solche Erlebnisse von den Betroffenen beiseite geschoben werden, bis sie mit ihren Langzeitkonsequenzen wieder an die Oberfläche kommen: Angst, Schuldgefühle, Depressionen, sozialer Rückzug, Gedächtnisstörungen, sexuelle Störungen oder auch psychosomatische Beschwerden wie Herzklopfen, Kopfschmerz, Schlafstörungen oder Schweißausbrüche.

Vergewaltigungen und andere Traumata führten zu bleibenden Veränderungen im Gehirn der Opfer. Steinbauer: "Man hat in gewissen Gehirnabschnitten gesehen, dass es dort zu einer Erhöhung der neuronalen Vernetzung kommt. Es handelt sich um Gedächtnisinhalte." Sie werden biologisch fixiert und dürften für die Langzeitfolgen mitverantwortlich sein. Das biete neben Psychotherapie auch die Chance zu medikamentöser Behandlung.
(red)

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.2. 2002)

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