Die Zeitung als kollektives Organ

25. Februar 2002, 20:02
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Der deutsche Künstler Thomas Bayrle übernimmt mit Andreas Zybach autonome Seitengestaltungen im STANDARD und in der Süddeutschen Zeitung

Wien - Gerüchteweise hat er das RAF-Logo miterfunden. Jetzt beginnt er eine Reihe, die die Kulturstiftung der Deutschen Bank und der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft für internationalen Dialog gemeinsam mit dem museum in progress initiiert: der deutsche Künstler Thomas Bayrle, der heute gemeinsam mit dem jüngeren Kollegen Andreas Zybach die erste von zwölf autonomen Seitengestaltungen im STANDARD und in der Süddeutschen Zeitung unternimmt. Die auf Bayrle folgenden Künstler sind noch nicht bekannt; darüber entscheidet die Jury, bestehend aus Kasper König, Daniel Birnbaum und Hans-Ulrich Obrist.

Bayrle, der bereits in den 70er-Jahren die Computerästhetik und Nanotechnologie künstlerisch nachformuliert hat, indem er viele kleine Motivzellen als Module zu einem einzigen Bild zusammenfügte, fasst naturgemäß die Zeitung als organischen Körper auf. Das jeweilige charakteristische Layout - etwa den Tempeleingangs-Kopf der Herald Tribune - begreift er als "kollektives Skelett", als Fassade, und schlägt in vielen Arbeiten den Konnex zur Architektur. Ähnliche Gestaltungselemente tragen das im Dezember 2001 bei Walter König herausgegebene Buch "The New York Layout", in dem Rem Koolhaas und Hans-Ulrich Obrist den Architekten Philip Johnson interviewen.

Auf Seite 3 spiegelt er die STANDARD-Themenseite und greift gestalterisch in die, wie er sagt, "Choreographie der Zeitung" ein, die - wie der Standard seit seiner Gründung 1989 - unter Vermittlung von Josef Ortners museum in progress "in-between-places" als temporären "Ausstellungsraum nutzt. Wichtig ist Bayrle, dass sein Werk für viele Interpretationen offen bleibt: Das Schwarze könne etwa als Zensur oder als voll geschriebene Information gesehen werden.

Das Psychogramm des STANDARD-Layouts beurteilt Bayrle "im positiven Sinne als etwas Rohes, Robustes", ein Organ, bei dem die Flüssigkeit wichtiger sei als die Form der Flasche.
(dok - DER STANDARD, Print, 26.02.2002)

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