Er bannte "das arme lesende Gemüt"

26. Februar 2002, 10:13
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Gedenken an den französischen Dichter und Maler Victor Hugo zum 200. Geburtstag

Seinen 200. Geburtstag würde am Dienstag der französische Dichter und Maler Victor Hugo begehen. In Frankreich wird rund um dieses Jubiläum viel Staat gemacht. Im deutschen Sprachraum sind neben dem "Glöckner von Notre Dame" nur wenige Werke Hugos bekannt.

Claus Philipp

Die menschliche Hochmut liebt es nicht, noch grünen Lorbeer zu achten", schrieb Gustave Flaubert einst in einer - für seine Verhältnisse - ungewöhnlich hymnischen Würdigung Victor Hugos: "Man hat diesen Mann viel angegriffen, weil er groß ist und sich viele Neider gemacht hat."

Ungewöhnlich ist diese Würdigung, wenn man Flauberts Skepsis gegenüber wuchtiger Massenproduktion, wie sie etwa Honoré de Balzac betrieb, kennt: Victor Hugo, der vor Mehrfachverwertungen seiner Werke nie zurückschreckte, und der heute wohl auch die unzähligen Verfilmungen von Les Misérables oder Disneys Glöckner von Notre Dame akzeptiert hätte, war ein wahres Kraftwerk von einem Bestsellerautor und Erfolgsstoff-Fabrikanten.

Andererseits:

Wenn man Flauberts punische Eskapade Salammbô vor dem Hintergrund von Hugos wahnwitzigen Prosa-Massentableaus liest und wenn man dazu Gemälde von Eugène Delacroix (Les Massacres de Chio) betrachtet, dann versteht man die Affinität schon besser: Wer als Künstler nach dem Sturm auf die Bastille 1789 auf das so stürmische französische 19. Jahrhundert zurückblickte, kam um Versuche im Breitwandformat nicht herum - egal, ob in Oper, Malerei oder Literatur.

Victor Hugo, 1802 als Jahrgangsgefährte von Alexandre Dumas dem Älteren (Die drei Musketiere) geboren, formte die Folgen der Revolution und das Ringen zwischen Republikanern und Monarchisten gewissermaßen bereits, als sie noch in vollem Fluss waren.

Er selbst schwankte lange Jahre zwischen Königstreue und einem etwas pathetischen Liberalismus, für den er 1851 von Napoleon III. auf die Kanalinseln verbannt wurde: Fotos aus dieser Zeit zeigen ihn als brütendes Enfant terrible, das ganz gern auf gegen Klippen anrasende Ozeanfluten starrt. Andererseits: Sowohl mit dem Theaterstück Hernani als auch mit dem Roman Der Glöckner von Notre Dame war er bereits 1830/31 "Top of the Pop" - ein junger Wilder, der die Rasereien der Geschichte in misshandelte, verstümmelte, verrenkte Figuren umzulegen verstand.

"Veroperungen"

Viel Erfolg, viele Tantiemen - allein vom Glöckner gab es zwischen 1836 und 1864 das, was der deutsche Roman-Navigator Ralf Vollmann heute "drei Veroperungen" nennt. Damit walzte Hugo gleichsam über Rezensenten, die schon damals Massenphänomene kritisch oder, so Flaubert, "neidisch" betrachteten. Ralf Vollmann schreibt aus heutiger Sicht gelassen: "Hundert-mal legt man das Buch weg bis zum Schluss, aber immer wieder liest man weiter, nicht weil es gut wäre, denn das ist es nicht, aber es bannt das arme, lesende Gemüt . . ."

In Frankreich ist Hugo derweilen ungebrochen Kultfigur und nicht nur bildungsbürgerliche Pflicht: Portrait eines Genies titelte dieser Tage eine Sonderausgabe der Zeitschrift L'Histoire. Als Dichter, Sänger, Faun pries ein Farbmagazin des Figaro Victor Hugo voll Emphase: Wenn die Grande Nation den 200. Geburtstag des Dichters begeht, dann feiert sie auch, was in und rund um Hugos Werk in Frankreich Staat gemacht und die Hitparaden gestürmt hat.

Im deutschen Sprachraum hingegen ist Hugos Werk über den Glöckner von Notre-Dame, den Letzten Tag eines Verurteilten, Les Misérables und das epochale Spätwerk zum Bürgerkrieg, Dreiundneunzig, hinaus kaum präsent: Und der Begriff "Werk" umfasst hier nicht nur Prosa, sondern auch Hugos Gedichte, seine späten pädagogische Werke, seine Malerei, seine liebenswert dilettantischen Versuche als Möbeldesigner.

Im Victor-Hugo-Museum im Haus Nr. 6 an der Place des Vosges, dem langjährigen Pariser Wohnsitz des Dichters kann man nachvollziehen, wie monumental sich dieser Mann alles zugetraut hat: Wortwörtlich ohne Rücksicht auf mögliche Schnitzer gestaltete er etwa ein "chinesisches Esszimmer", das man eher in der Wohnung von Herbert Achternbusch erwarten würde. Sehenswert auch seine hellen, mit Blumen und Schmetterlingen verzierten Bilderrahmen rund um verfallende Burgen oder schicksalsmächtige Meeresfluten.

Die deutsche "Ignoranz" gegenüber dem "Ozean" Hugo ist umso erstaunlicher, als dieses gigantische Werk in Frankreich immer wieder als der deutschen Romantik verwandt empfunden wurde. 1860 schrieben etwa die Brüder Goncourt bei einer Reise nach Heidelberg in ihr Journal über eine "Verschmelzung von Katholizismus und Heidentum": "Der ganze Hugo ist in dieser Ruine vorgebildet, bis in seine homerischen Seiten, die Küche, um einen Ochsen zu braten, das Fass mit den Walfischrippen. (. . .) Die Ruine und der Dichter, sie sind die Renaissance in Person."

(DER STANDARD, Print, 26.02.2002)

Im Palais du Luxembourg in
Paris ist gegenwärtig eine Aus-
stellung dem Jahrhundert
Victor Hugos gewidmet.

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