Die "Ein-Euro-Wohnung"

26. Februar 2002, 14:36
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Wiener Volkspartei verspricht Finanzierung zu unglaublichen Konditionen

Wien - Eine Eigentumswohnung um nur einen Euro pro Quadratmeter und Monat: Die Wiener ÖVP lässt Wohnträume Wirklichkeit werden. Allerdings mit einem ausgesprochen eigenwilligen Finanzierungsmodell. Bei dem man für einen Kredit weniger zurückzahlt, als man sich ausgeborgt.

"Kaufen oder Miete" lautet die Frage, die sich die Wiener ÖVP im Internet stellte und gleich selbst beantwortete: "Ihre Gemeindewohnung für nur EURO 1.-/m² im Monat" wird hier versprochen. Und: "Auf lange Sicht geben Sie so weniger für den Kauf als für die Miete Ihrer Wohnung aus."

Klingt verlockend - aber wie so oft lohnt es sich, auch das Kleingedruckte zu lesen. Zunächst einmal stellt sich heraus, dass natürlich nicht die ganze Wohnung einen Euro pro Quadratmeter kostet - sondern dass dieser Euro zusätzlich zur bisherigen Miete zu zahlen wäre.

Rechenkunststück

Und dann geht es los mit dem Rechenkunststück: Eine 69 Quadratmeter große Gemeindewohnung - die wäre als Neubau 2350 Euro pro Quadratmeter wert. Davon zieht die ÖVP gleich einmal 75 Prozent ab: Für die Abnützung und weil die gekaufte Wohnung eine Zeit lang nicht weiterveräußert werden darf. Dazu sechs Prozent Spesen - und schon sind wir bei einem Verkehrswert von 956 Euro pro Quadratmeter. Also rund 66.000 EURO für die ganze Wohnung. Davon werden 6000 EURO "Eigenmittel" abgezogen (die kosten ja nichts, weil die hat man ja). Und dann nimmt man für 60.000 EURO einen Kredit auf: zu sensationellen 4,75 Prozent. Und bis zur Vorwoche hieß es hier: "Monatliche Rate auf 10 Jahre: 469 EURO". Sprich: Für die 60.000 EURO Kapital würden nur 56.280 EURO zurückgezahlt. Dann wird noch die ursprüngliche Miete abgezogen (5,90 EUROm² - für Gemeindebauniveau ein beachtlicher Preis). Und schon muss nur 1 EURO/m² und Monat bezahlt werden.

Mitarbeiter des Wohnbaustadtrates Werner Faymann (SP) wollten sich gleich den sensationellen Kredit holen, der laut ÖVP von der Raiffeisen-Bank errechnet worden sei. Und scheiterten schon bei den 4,75 Prozent Kredit: Unmöglich, hieß es bei Raiffeisen. Am Montag hatte die ÖVP zumindest die Rückzahlungszeit auf 15 Jahre korrigiert. (Roman Freihsl, Der Standard, Printausgabe, 26.02.02)

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