Zarte Pflänzchen unterm Vlies

25. Februar 2002, 18:16
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Lokalaugenschein bei einem Biobauern

Glinzendorf - Schnee wäre für den Salat gar nicht schlecht, erläutert Bauernsohn Stefan Zoubek inmitten peitschender Regenschwaden. Echter Schnee, meint er, keine Graupelschauer wie heute: Eine kompakte, kälteisolierende Schicht auf den langen Bahnen aus doppeltem Vlies, unter denen die ersten Pflänzchen des Marchfelder Biolandbaus sprießen.

Die sind zartgrün und den künftigen knackigen Kopfsalaten oder Rettichpflanzen nur sehr entfernt ähnlich. Sonst wächst derzeit nichts auf den Feldern und im Folienzelt des ohne jeden Pestizideinsatz arbeitenden Biohofs Adamah nahe Wien. Weil: "Ordentlich kalt wird’s in den kommenden Tagen werden", orakelt Stefans Vater Gerhard unter dem verhangenen Glinzendorfer Himmel: eine Bauernregel, die um diese Zeit des Jahres immer passt.

Als Käufer und Esser tue man gut daran, sich solchen saisonalen Abläufen anzupassen, meint Zoubek senior später beim Kaffee. Kohl, Kraut, Wurzelgemüse - alles eingelagert - im Winter, Paprika, Paradeiser, Gurken im Sommer. "Die Natur hat für alles gesorgt, und so schmeckt es ja auch viel besser", meint der seit 1999 im Marchfeld ökologisch anbauende Landwirt.

Überdies verbiete eine Regel des Bioverbands Ernte für das Leben das Beheizen von Glashäusern über das zur Frostvermeidung notwendige Ausmaß hinaus, was heimische Ökopaprika oder -paradeiser in der kalten Jahreszeit zu einem Ding der Unmöglichkeit machten. Während Bioimporte . . . "Auch die widersprechen im Grunde dem Prinzip der Nachhaltigkeit", mischt sich Pflanzenexperte Markus Niemann ein.

Also keine Mittelmeerdiät mit viel frischem Gemüse und Paradeisern, wie Ernährungsexperten sie empfehlen, zwischen November und Juni in Mitteleuropa mehr? Zoubek senior ist sich nicht so sicher: "Man könnte die strenge Bioregel vielleicht überdenken." Noch besser jedoch, "wenn sich Biokonsumenten wieder der gesamten Gemüsevielfalt bewusst würden". In diesem Sinne, so der Ökobauer, kultiviere und verkaufe man in Glinzendorf fast schon vergessene Gemüsesorten "wie zum Beispiel die Ochsenherzkarotte oder Topinambur, ein Vorläufer der Erdäpfel in Europa". (Irene Brickner, Der Standard, Printausgabe, 26.02.02)

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