Hilfreiche Hypothermie

25. Februar 2002, 18:07
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Langzeitstudie zeigt: Absenken der Körpertemperatur kann Folgeschäden nach Herzkreislaufstillstand verhindern

Wien - Tausende Österreicher tragen jährlich nach einer Reanimation als Folge eines Herzkreislaufstillstands schwere Schäden am Zentralnervensystem davon. Es gilt immer noch als seltenes Glück für Patienten, einen solchen Krankheitsfall gesund zu überleben. Eine Untersuchung unter der Federführung von Experten des Wiener AKH hat jetzt einen Ausweg gezeigt: Eine Senkung der Körpertemperatur kann Folgeschäden verhindern und die Überlebensrate steigern. Die Ergebnisse wurden jüngst im renommierten New England Journal of Medicine veröffentlicht.

Runter auf 32 bis 34

Unter der Leitung der Universitätsklinik für Notfallmedizin des AKH (Vorstand Univ.-Prof. Dr. Anton N. Laggner) wurde in zehn medizinischen Zentren in Europa eine Langzeitstudie durchgeführt, die den Effekt der Senkung der Körpertemperatur auf 32 bis 34 Grad Celsius über 24 Stunden nach der Reanimation untersucht hat. Die Patienten waren in einem medikamentös herbeigeführtem Tiefschlaf und wurden maschinell kontrolliert beatmet. Nach erfolgreicher Wiederbelebung konnte durch eine milde Herabsetzung der Körpertemperatur eine Schädigung des Zentralnervensystems in der Phase nach dem Herzstillstand verhindert werden, berichtete Univ.-Prof. Dr. Fritz Sterz.

Konkret wurden, unter der Koordination von Sterz und seinem Kollegen, Dr. Michael Holzer, insgesamt 175 Fälle in zwei Gruppen untersucht. Um die Ergebnisse vergleichbar zu machen, wurden nur Herzinfarktpatienten (die häufigste Ursache für einen Herzkreislaufstillstand) und eine gewisse Dauer des Stillstands (zehn bis 15 Minuten) in die Studie aufgenommen. Die Herabsetzung der Körpertemperatur begann bei der Aufnahme des Patienten und wurde über 24 Stunden fortgesetzt. Dabei konnten Temperaturen um 34 Grad relativ rasch erreicht werden, Nebenwirkungen seien nicht aufgetreten.

Vergleich

Es stellte sich heraus, dass jene Patienten, bei denen das "Kühlungsverfahren" angewendet worden ist, zu 55 Prozent gesund überlebten. In der zweiten Gruppe war das nur bei 39 Prozent der Fall. Die Differenz zeige, dass von sechs Patienten, deren Körperwärme nach Herzstillstand und Reanimation gesenkt wird, "mindestens einer davon profitieren" könne, erläuterte Sterz. In Österreich erleiden jährlich 10.000 bis 14.000 Menschen einen Herzstillstand, europaweit sind es laut Sterz 375.000.

An der Notfallaufnahme des Wiener AKH ist die Behandlungsmethode mittlerweile routinemäßig eingeführt worden. Die Maßnahmen seien "simpel", sagte Sterz: Die Patienten werden einem Strom kalter Luft ausgesetzt.

Vermeidbare Folgeschäden

Die Folgeschäden, die für einen großen Teil der Betroffenen zu Lähmungen, Sprachstörungen etc. führen, entstehen durch Durchblutungsstörungen nach der Wiederbelebung, wenn das Blut im Gehirn wieder zu fließen beginnt, so Sterz. Bisher habe es "keine wirklichen Behandlungsmöglichkeiten für diese Patienten gegeben". Fazit der Mediziner: Milde Kühlung sei ein viel versprechender therapeutischer Ansatz zur Verminderung von ischämischen Schäden bzw. Reperfusionsstörungen (Durchblutungsstörungen) und werde zu einer Verbesserung der gesunden Überlebensraten nach Herzkreislaufstillstand beitragen. (APA)

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