Zehntausende Slowaken bangen um Ersparnisse

26. Februar 2002, 14:15
2 Postings

Skandal um "Nichtbanken" weitet sich aus

Bratislava - Der Finanzskandal, der in der Slowakei in Zusammenhang mit den nicht lizenzierten privaten Investitionsfirmen, den so genannten "Nichtbanken", aufgeflogen ist, weitet sich aus. Bereits vor drei Wochen wurden alle Filialen der Firma BMG Invest geschlossen. Diese hatte mit versprochenen märchenhaften Zinsgewinnen von 40 Prozent rund 150.000 Slowaken zu Einlagen überreden können. Trotz der Ankündigung der Geschäftsleitung, ein US-Investor werde die Firma übernehmen, machten sofort Gerüchte über einen bevorstehenden Zusammenbruch die Runde.

Ins Ausland abgesetzt

Am Sonntagnachmittag erfuhren dann Tausende weitere Anleger aus dem privaten Fernsehsender TV Markíza, dass auch zwei der noch verbliebenen großen "Nichtbanken", Drukos výnos und AGW, ab Montag, 25. Februar, keine Gelder mehr auszahlen würden. Wie im Fall der BMG Invest und ihrer Muttergesellschaft Horizont Slovakia, deren Besitzer sich inzwischen ins Ausland abgesetzt haben, bestreiten auch die Geschäftsleitungen von Drukos und AGW einen möglichen Bankrott ihrer Firmen.

Dennoch fürchten Tausende Slowaken, die sich von der massiven Werbung beeindrucken ließen, um ihre Ersparnisse. Im Gegensatz zu normalen Banken garantiert nämlich der Staat bei einem Krach von "Nichtbanken" nicht für das eingelegte Geld.

Sagenhafte Summen

Es geht um sagenhafte Summen: AGW und Drukos haben Klienten insgesamt ca. sechs Mrd. Kronen (143 Mio. Euro/1,97 Mrd. S) anvertraut. Bei BMG gehen die Schätzungen inzwischen auf bis zu zehn Mrd. Kronen (238 Mio. Euro). Vor den Geschäftsstellen beider Firmen versammelten sich Montagfrüh Kunden, die ihr Geld oder zumindest eine Erklärung verlangten. Die Filialen von Drukos výnos blieben aber geschlossen. Bei AGW konnten die Mitarbeiter nur bestätigen, dass kein Geld ausgezahlt werde.

Beide Firmen wollen statt Bargeld Namensaktien als eine Art Garantie anbieten, dass Kunden eines Tages ihre Ersparnisse doch noch bekommen werden - wenn es den Firmen gelingen sollte, die akuten Finanzprobleme zu überwinden. Verursacht wurde die Situation angeblich von den Kunden selbst, da unbestätigten Informationen zufolge nach Bekanntwerden der Probleme bei BMG bis zu 95 Prozent der AGW-Einleger plötzlich ihr Geld wollten.

Großes Fragezeichen

Über der Zukunft der Nichtbanken hängt aber ein großes Fragezeichen, viele Analytiker behaupten, dass sie ein Krach nicht überraschen würde. Nach Meinung des slowakischen Premierministers Mikulás Dzurinda sind die Probleme eine Angelegenheit der Finanzfirmen und der Bürger, die ihnen Geld anvertraut haben. Viele Betroffene fühlen sich aber betrogen und machen dafür den Staat verantwortlich, der die Investitionsfirmen nicht nur zuließ, sondern von den Erträgen 25 Prozent Steuer kassierte.

Die an der Regierung beteiligte linksdemokratische SDL verlangt inzwischen ein Verbot der "Nichtbanken". Die oppositionelle nationalistische SNS will eine außerordentliche Parlamentssitzung durchsetzen.

Warnende Bankrotts

In der Slowakei gibt es auch weiterhin rund 20 aktive, nicht lizenzierte Finanzfirmen, die Geld von so genannten stillen Teilhabern entgegennehmen. Zu den größten gehört die Prvá garantovaná (Die erste garantierte), die Erträge in Höhe von 20 Prozent verspricht und bis jetzt rund zwei Milliarden Kronen von Klienten gelockt hat. Bekannt sind aber auch mehrere warnende Bankrotts von Investitionsfirmen: Vor einigen Jahren krachte nach drei Jahren Existenz die Firma Allegros, der Schaden erreichte rund eine Milliarde Kronen. Gut in Erinnerung vieler Slowaken ist auch die Firma SUN, die erst im Februar 2000 zusammenbrach - und ihren Kunden bis zu 500 Millionen Kronen schuldig blieb.

Erste Bank-Tochter warnt

Nach Auffliegen des Anlageskandals fahren die arrivierten Großbanken in der Slowakei nun massive Abgrenzungs- und Aufklärungskampagnen. Auch die seit 2001 mehrheitlich in Besitz der Erste Bank der oesterreichischen Sparkassen befindliche größte slowakische Bank, Slovenska Sporitelna (SLSP), richtet sich solcherart an durch die Turbulenzen verunsicherte Sparer im Lande, "genau zu schauen, wo sie ihr Geld anlegen". Nicht zuletzt auch in der Hoffnung, Kunden dieser umstrittenen Finanzfirmen zum Wechseln zu bewegen.

(APA, Renata Kubicová, DER STANDARD, Printausgabe 26.2.2002)

Share if you care.