Grammy-Geflüster

26. Februar 2002, 12:11
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"Schnuller-Pop" ist out und so sind die jungen Soul-Diven Alicia Keys und India.Arie die hoffnungsvollsten Anwärterinnen auf die "Grammy-Queen"

Los Angeles - Alte Rocker sind zwar die großen Favoriten, wenn in der Nacht zum Donnerstag die begehrtesten Musikpreise der Welt vergeben werden. Doch ebenso viel Aufmerksamkeit wie U2 oder Bob Dylan werden bei der Grammy-Show am Mittwoch (27.2.) drei talentierte junge Damen auf sich ziehen. Dass entweder die Dubliner Band, die seit 1978 Musik macht, oder der 60-jährige Folk-Rocker den Hauptpreis für das beste Album des Jahres bekommen, gilt unter US-Kritikern als ausgemacht. Spannender erscheint die Frage: Wer wird die "Grammy-Queen"?

Britney Spears oder Christina Aguilera spielen praktisch keine Rolle

Insgesamt gehen die jungen Diven des Neo-Soul India.Arie und Alicia Keys sowie die von Latino-Rhythmen, portugiesischer Folklore und kanadischem Rock inspirierte Nelly Furtado mit 17 Nominierungen ins Rennen. Dagegen spielen routinierte und weitaus höher bezahlte Pop-Damen wie Britney Spears oder Christina Aguilera bei den diesjährigen Grammys praktisch keine Rolle. Manchmal noch verwundert, oft mit unverhohlener Erleichterung sieht Amerikas Musikpresse das "Ende des Schnuller-Pop" kommen.

"Shooting-Star" Alicia Keys

Doch selbst etablierte Soul- und R&B-Größen wie Destiny's Child, Whitney Houston oder Janet Jackson dürften in der Grammy-Nacht nicht ohne Eifersucht auf den viel versprechenden Nachwuchs schauen. Die meisten Blicke zieht dabei die 21-jährige New Yorkerin Keys auf sich. Sie ist der eigentliche "Shooting-Star" des vergangenen Jahres. Keys, die als Tochter einer italienisch-stämmigen Mutter und eines afro- amerikanischen Vaters zur Welt kam, wird für ihr Album "Songs In A Minor" als "Aretha Franklin des neuen Millenniums" gefeiert. Mehr als vier Millionen Mal verkaufte sich ihr Debüt-Album mit der herausragenden Klavier-Ballade "Fallin". Auch nach 30 Wochen rangiert es noch unter den Top Ten der Billboard-Charts.

Keys: "Chopin ist echt der Hammer"

Im zarten Alter von fünf Jahren begann sie Klavier zu spielen. Mit 14 komponierte und textete sie Songs. Das Klavier war längst ihr "großer Gefährte", Chopins "Preludes" weit mehr als eine tägliche Fingerübung. "Chopin ist echt der Hammer", sagte Keys dem Musik-Magazin "Rolling Stone". Der Slang Harlems ist für die Absolventin der New Yorker Performance Art School keine Anbiederung an die schwarze Musikszene, obwohl sie, wenn es sein muss, auch die Tonlage akademischer Debatten mühelos trifft.

India.Arie: lyrisch und unkitschig

Mit dem Lebensgefühl in Amerikas Schwarzenvierteln ist auch die 26-jährige India.Arie vertraut. Ihre musikalische Laufbahn begann in der Südstaaten-Metropole Atlanta (Georgia), wo sie mit 13 Gitarre lernte. Genau wie Keys schreibt auch Arie ihre Songs selbst. Kritiker lobten ihr Album "Acoustic Soul", dessen Songs gefühlvoll, aber keineswegs kitschig seien, und hoben vor allem die lyrischen Texte hervor. Ihre Single "Video" wurde ein Renner, doch das Album verschwand bald aus der Spitzengruppe. Deshalb stieß auf Verwunderung, dass "Acoustic Soul" anders als Keys "Songs In A Minor" in der Kategorie "Bestes Album des Jahres" aufgestellt wurde.

Furtado hinkt bei den Nominierungen hinterher

Echte Chancen werden Arie hier aber nicht eingeräumt. So dürfte sich eher in Kategorien wie "Bester neuer Künstler", "Beste Single" und "Bester Song" entscheiden, wer sich den inoffiziellen Titel "Grammy-Queen" aufs nächste Platten-Cover kleben darf. Einen Vorsprung haben dabei Arie und Keys mit insgesamt sieben sowie sechs Nominierungen. Die 23-jährige Sängerin und Songschreiberin Furtado, die mit 16 in einer Jazz-Band musizierte, geht mit nur vier Anwartschaften ins Rennen. Doch ihr Album "Whooa Nelly!" mit dem Hit "I'm Like A Bird" war eine der großen Newcomer-Überraschungen des Jahres. Und für Überraschungen sind auch die Grammys immer gut.

Auch Österreich bei den Grammies nominiert

In zwei der insgesamt 101 Grammy-Kategorien dürfen sich auch Österreicher Hoffnungen auf eine der begehrten Auszeichnungen machen. In der Kategorie "Best Choral Performance" tritt die bei Teldec erschienene Aufnahme von Bachs "Matthäus-Passion" unter Nikolaus Harnoncourt an, in der Kategorie "Best Long Form Music Video" wurde "Freddie Mercury - The Untold Story" des Wiener Produzenten-Duos Rudi Dolezal und Hannes Rossacher nominiert. (APA/dpa)

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