Von weiblicher
(Selbst-)Auslöschung im Patriarchat

5. März 2002, 23:18
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Umjubelte Premiere von "Jenufa" in der Staatsoper

Wien - Die Spannung, mit der die Premiere von Leos Janaceks Oper aus dem mährischen Bauernleben "Jenufa" an der Wiener Staatsoper erwartet wurde - mit dem designierten Musikchef Seiji Ozawa am Pult und in der Inszenierung des designierten Bregenzer Festspielleiters David Pountney - hat sich am Sonntag zum Schlussapplaus in einem Toben entladen. Die Protagonisten mit Agnes Baltsa und Angela Denoke an der Spitze und das Leading-Team wurden triumphal umjubelt.

Weibliche (Selbst-)Auslöschung

In einem strengen Umfeld entwickelt sich das Drama der strengen Küsterin Buryja, die die Lebensperspektive von "Jeji pastorkyna" ("Ihre Ziehtochter" so der Originaltitel) zu retten versucht und deren heimlich geborenes Kind tötet. Überragend in der von Janacek vorgesehenen eigentlichen Titelpartie: Agnes Baltsa als Ziehmutter der Jenufa, eine sittliche Instanz im Dorfe, die die Regeln des Patriarchats bis zur (weiblichen) Selbstauslöschung verinnerlicht hat und daran zugrunde geht. Atemraubend auch was die Baltsa da an inneren Spannungen vermittelt, Einblicken lässt hinter die strenge Fassade, Aus- und Zusammenbrüche von höchster Strahl- und Stimmkraft bis zur gebrochenen Tonlosigkeit.

Antipodin

Angela Denoke geht als Jenufa den umgekehrten Weg vom kindlich naiven Mädchen, das die Verhältnisse ungefragt akzeptiert zur heldenhaft Leidenden und Verzeihenden. Eine stimmlich stets helle Lichtgestalt, die nicht nur der Ziehmutter die Tat verzeihen kann, sondern auch ihrem Verehrer Laca (Jorma Silvasti), dass er ihr in einem (wenn auch später heftig bereuten) Anfall von Eifersucht das Gesicht verstümmelt hat. Dass dieser Beziehung eine neue Zukunft vergönnt sein sollte, da setzt dann Pountneys Regie, die sich jegliches interpretatorisches Gehabe verwehrt, doch ein leises Fragezeichen.

Zur Inszenierung

"Jenufa" ist eine Koproduktion mit der Janacek Oper Brünn, wo das Werk 1904 seine Uraufführung erlebte und wo es 2004 anlässlich des 150. Geburtstags des Komponisten und des 100-Jahr-Jubiläums von "Jenufa" zur Aufführung kommt. In Wien wird sie in der deutschen Übersetzung von Max Brod gespielt; trotz oder eben weil diese Oper aus dem gesprochenen Wort heraus, dem Tonfall, der Sprachklangfarbe komponiert ist. Oft in sich wiederholenden, aneinandergereihten, verwobenen Melodiepartikel, die, so hatte Dirigent Ozawa vor der Premiere erklärt, ihn an Minimal music erinnerten. Und Ozawa breitete ein Füllhorn an musikalischer Intensität, dramatischer Wucht und ebenso zartem Klanggewebe aus.

Robert Israels Bühnenbild verzichtet auf jegliche mährische Folklore, die Kostüme von Marie-Jeanne Lecca setzen diese nur sparsamst ein. So werden riesig dimensionierte Holzbauten in den Raum gestellt, die keinerlei Anflug niedlicher Bauernstuben-Romantik aufkommen lassen. Die Mühle im ersten Akt wirkt wie ein Industriekomplex in Holzbauweise, das Haus der Küsterin wie eine Lagerhalle für Mehlsäcke.


(APA)

"Jenufa" Oper aus dem mährischen Bauernleben.

Musik von Leos Janacek, Text von Gabriela Preissova in der deutschen Übersetzung von Max Brod.

Dirigent Seiji Ozawa, Inszenierung David Pountney, Bühnenbild Robert Israel, Kostüme Marie-Jeanne Lecca, Licht Mimi Jordan Sherin, Choreinstudierung Ernst Dunshirn, Choreographie Renato Zanella.

Mit Anna Schlemm (die alte Burya), Jorma Silvasti (Laca), Torsten Kerl (Stewa), Agnes Baltsa (Küsterin Buryja), Angela Denoke (Jenufa), Wolfgang Bankl (Altgesell), Walter Fink (Dorfrichter) u.a.

Weitere Vorstellungen:
8. März, 29. Mai, 1., 5., 9. Juni 2002.

Staatsoper Wien
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