Milosevic weist Aussagen über Massenvertreibung der Albaner zurück

27. Februar 2002, 15:46
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Zeuge schildert Deportationen im Kosovo-Krieg - Ex-Präsident fordert vor Haager Tribunal erneut Freilassung

Den Haag/Wien - Der frühere jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic hat am Mittwoch vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag Zeugenaussagen über Massendeportationen von Kosovo-Albanern während des Kosovo-Kriegs im Jahr 1999 zurückgewiesen. Milosevic versuchte mit Fragen an den kosovarischen Zeugen Besnik Sokoli darzulegen, dass die serbische Polizei den albanischen Zivilisten bei der Flucht aus der Kosovo-Stadt Pec geholfen habe. Zuvor hatte Sokoli ausführlich die Massenvertreibung albanischer Zivilisten aus der Gegend um die Kosovo-Stadt Pec geschildert.

Seine Familie sei von serbischen Sicherheitskräften an der Flucht in die jugoslawische Teilrepublik Montenegro gehindert worden, sagte der Zeuge. In Pec habe die serbischen Polizei etwa 30.000 albanische Zivilisten versammelt. Autobusse und LKW seien für die Deportation bereit gestanden. Etappenweise seien die Albaner in die Fahrzeuge verfrachtet und nach Albanien gebracht worden. Er sei von Polizisten "psychisch und physisch misshandelt" worden, sagte der Zeuge, der derzeit als Dolmetscher für die UNO-Verwaltung im Kosovo (UNMIK) arbeitet. Sokoli betonte, er wollte nicht wegen der NATO-Bombardements sondern aus Angst vor den serbischen Sicherheitskräften fliehen.

Milosevic widersprach dieser Darstellung. Die Gegend sei "Kriegszone" gewesen und aus diesem Grund hätte die Polizei die Bevölkerung, Albaner wie Roma und Serben, "in Sicherheit" bringen wollen. Milosevic bezeichnete auf die Ermordung von sechs serbischen Jugendliche in Pec Ende 1998 als "einen der schmutzigsten Angriffe auf serbische Kinder". Die Jugendlichen seien von "albanischen Terroristen" ermordet worden. Richter Richard May verweigerte dem Angeklagten daraufhin weitere Fragen.

"Lügenhaften Zeugen

Erneut forderte der wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord angeklagte Ex-Präsident seine Freilassung, um sich verteidigen zu können. Milosevic beklagte, ihm werde vom UNO-Tribunal "das international verbriefte Recht auf Verteidigung" verweigert. Einer der drei Pflichtverteidiger, Branislav Tapuskovic, forderte "Gleichberechtigung" für Milosevic. Ihm müsse ermöglicht werden, mit seinen Beratern in ständigem Kontakt zu sein, wenn er dies wünsche. Die Pflichtverteidigung erwäge auch einen Antrag auf Freilassung, sagte Tapuskuvic.

Milosevic beschuldigte die Anklage, nicht nur ihn selbst, sondern auch das Gericht steuern zu wollen. Die Anklage habe eine "ganze Maschinerie gegen einen, dem das Recht auf Verteidigung entzogen ist, und auch das ist ihr zu wenig". Die Anklage wolle nur ihren "völligen Misserfolg der Beweise" und ihre "lügenhaften Zeugen" vertuschen. "Osama bin Laden könnte ebenso viele Zeugen im Kosovo finden, die aussagen würden, dass sie mit ihren Augen gesehen haben, wie (US-Präsident) George Bush Granaten auf das Pentagon und das Weiße Haus geworfen hat".

In seiner Befragung der Zeugen hatte der Ex-Präsident mit Detailwissen verblüfft. In Belgrad wird darüber spekuliert, ob Milosevic seine Informationen auch vom jugoslawischen Geheimdienst und aus Polizei- und Militärkreisen erhalte. Der Belgrader Sender "B-92" berichtete unter Berufung auf eine der Regierung nahe stehende Quelle, dass Milosevic vier Monate nach den NATO-Luftangriffen im Frühjahr 1999 alle Informationen des Militär-Geheimdienstes bekommen habe. (APA)

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