Geburtenrate eine Wohlstandsfrage?

25. Februar 2002, 15:36
47 Postings

Sozialminister Haupt irrt gewaltig, wenn er meint, dass der Wohlstand sich negativ auf die Geburtenrate auswirken würde - ein Kommentar von Sieglinde Rosenberger

Der Sozialminister hat recht, wenn er davon spricht, dass das Kinderkriegen eine Angelegenheit des Wohlstandes wäre. Er irrt aber gewaltig, wenn er meint, dass der Wohlstand sich negativ auf die Geburtenrate auswirken würde. Das Gegenteil trifft nämlich zu.

Denn die „reichen“ Mitgliedsländer der Europäischen Union, d.h. die Staaten mit starken und effizienten Volkswirtschaften (Schweden, Dänemark), zeigen deutlich höhere Geburtenraten als die wirtschaftsschwächeren Länder (Spanien, Portugal, Griechenland). Weiters ist die Geburtenrate dort signifikant höher, wo eine hohe Erwerbstätigkeit von Frauen zu beobachten ist; sie ist dort vergleichsweise niedrig, wo die Erwerbstätigkeit von Frauen niedrig ist (z.B. Italien).

Schlussfolgerung?

Wirklich relevant sind gesellschaftliche und politische Bedingungen und nicht Ideologisierungen und Verzichtsanforderungen. Ein ausgebauter Wohlfahrtsstaat, der sich am Betreuungsbedarf von Kindern orientiert, ist viel wichtiger für eine höhere Geburtenrate als eine mutterzentrierte Familienpolitik. Ein ausgebauter Wohlfahrtsstaat aber setzt eine hohe Erwerbstätigkeit aller Menschen, d.h. insbesondere auch jener von Frauen voraus. Das österreichische Kindergeld ist demnach eine falsche Antwort, es belastet den Sozialstaat und verursacht Beitragsausfälle. Das Kindergeld mag aber eine richtige Antwort sein, wenn das politische Ziel etwa so lautet: den Sozialstaat schwächen und die „männliche Dividende“ auf dem Arbeitsmarkt sichern.

NACHLESE
Das Haupt-Interview:"Selbstverwirklichung statt Kinder"

"Fremde Feder" ist eine Kolumne auf derStandard.at für KommentatorInnen von außen.

Sieglinde Katharina Rosenberger ist Politik- wissenschafterin an der Universtität Wien

Institut für Politikwissenschaft

Sozialstaat.at
Share if you care.