Kolumne: Der Prozess - von Biljana Srbljanovic

25. Februar 2002, 11:31
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Die serbische Dramatikerin und Schriftstellerin blickt verwundert nach Den Haag

Jetzt sehe auch ich mir den Prozess an. Meine Vorliebe für Geschmack- losigkeiten verbietet mir, die Trashshow zu versäumen. Ich habe mir in meinem Leben schon so viele Gerichts-Soaps (amerikanischer Herkunft) im Fernsehen gegeben, dass ich glatt als Anwalt der Verteidigung auftreten könnte. Zugleich habe ich in ebendiesem Leben so viel von Milosevic' Herrschaft gesehen, dass ich auch einen bestens vorbereiteten Ankläger abgeben würde.

Ich habe den Eindruck, dass jeder zweite Durchschnittsbürger Exjugoslawiens sachgemäßer herangehen würde als die Chefanklägerin und einige ihrer Zeugen. Aber uns fragt ja keiner, und wir können die Show nur betrachten und uns wundern. Zum Beispiel über die Manipulation mit den Fotos der unglücklichen, in den Kriegen getöteten Erwachsenen und Kinder, mit denen Milosevic wütend herumfuchtelt, um die Verantwortung den "Mächtigen der Welt" zuzuschieben. Oder über die Manipulation mit denselben Toten, deren Bilder der globale Sender nicht zeigen will - um sein Auditorium nicht unnötig aufzuregen, getreu dem Grundsatz: Was in unserem Programm nicht vorkommt, das gibt es auch nicht im realen Leben.

So wird der ganze Prozess zur Gelegenheit für den Hauptangeklagten, sich als Opferlamm hinzustellen, über das eine "Weltverschwörung" zu Gericht sitzt. Auf diese Weise wird er für viele Paranoiker, aber auch für viele durch die Weltwirtschaftspolitik ins Elend gestürzte Menschen zum Idol.

Wie üblich kommt mit solchen Kommunisten auch die extreme Rechte gut zurecht. Alle, die Amerikas Krieg gegen die Taliban als Chance für einen Krieg mit der ganzen muslimischen Welt betrachten, sehen in Milosevic ihren Helden. Immerhin ist er (auch) der Ausrottung von Muslimen angeklagt, und das gilt den Faschisten allemal als mildernder Umstand. So stehen die Verwirrten, Marginalisierten, Unterdrückten und Blutrünstigen jetzt Seite an Seite im Kampf gegen die Weltordnung - vereint in der Bewunderung für Milosevic, den Kämpfer für "unsere Sache".

In Serbien sind die Dinge noch konfuser. Jene, die sich auf der politischen Bühne für die Diktatur der liberalen Ökonomie einsetzen, wettern gegen die Globalisierung als eine Art neue Internationale. Bei all dem wird Milosevic' Show zur medialen Lieblingsware, ebenso gefragt wie die antiglobalistische Bibel "No logo" von Naomi Klein. Die wahren Opfer des Krieges, die Toten, Verkrüppelten, die Flüchtlinge und Emigranten sind wieder einmal völlig unwichtig. Wichtig ist die Louis-Vuitton-Aktentasche der Chefanklägerin (ist das nicht ein Symbol der Globalisierung?), wichtig ist die Krawatte des Angeklagten in den Farben der Fahne Exjugoslawiens, wichtig ist, wer wen in der Hauptverhandlung verspottet, wer Milosevic das Mikrofon ausschaltet (das freut mich jedes Mal), wichtig ist, dass das Bild, das in die Welt geht, die Zuschauer nicht unnötig aufregt.

Für mich ist der aufregendste Moment, wenn der Angeklagte behauptet: "Ich kann jedem in die Augen sehen." Und das trifft mich, nicht weil es gelogen, sondern weil es die Wahrheit ist. Dieser gewissenlose Mensch kann wirklich jedem in die Augen sehen. Ohne mit der Wimper zu zucken. Und gerade deshalb kann ich niemandem mehr in die Augen sehen. Bei der Begegnung mit den Familien der Opfer oder jenen, deren nächste Angehörige aus diesem Land geflohen sind, bin ich es, die den Blick senkt.

Ich tröste mich damit, dass mich gerade das zum Menschen macht. Übersetzung aus dem Serbischen: Barbara Antkowiak (DER STANDARD, Printausgabe, 25.2.2002)

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