Rotkäppchen in Fernost

26. Februar 2002, 12:19
posten

Die Märchen der Gebrüder Grimm sind in Japan bei Groß und Klein ein Renner

Kassel/Steinau - Die Märchen der Brüder Grimm gehören zu den am häufigsten gelesenen Büchern im fernen Japan. Die fantastischen und zugleich gruseligen Geschichten um Schneewittchen, Rotkäppchen oder Rapunzel sind dort nicht nur Gute-Nacht-Lektüre für Kinder, sondern vor allem bei Erwachsenen in Mode.

Hartnäckig auf der Bestsellerliste

Eine neue Ausgabe der Märchen wird dort so gut verkauft, dass sie sich hartnäckig auf der Bestsellerliste hält, berichtet der Leiter des Brüder Grimm-Hauses in Steinau, Burkhard Kling. Manchen Japaner wissen nach Expertenmeinung mehr über Jakob und Wilhelm Grimm und die Volksmärchen aus der Zeit der Romantik als viele Menschen in Hessen, wo die Märchensammler im 19. Jahrhundert lebten.

Bekannter als Goethe

"Die Brüder Grimm sind in Japan bekannter als Goethe", sagt der Leiter des Brüder Grimm-Museums in Kassel, Bernhard Lauer, der auch Geschäftsführer der Brüder-Grimm-Gesellschaft mit 400 Wissenschaftern ist. Märchen-Bände erreichten in Japan Auflagen von mehreren Millionen Exemplaren. Rund ein Viertel der Besucher im Brüder Grimm-Museum in Kassel, wo die Begründer der Germanistik einen Großteil der mündlich überlieferten Märchen zusammentrugen, kommt aus Japan.

Das größte Grimm-Museum steht in Japan

Japanische Touristen machen stets auch in Hanau, wo die Märchensammler 1785 und 1786 geboren wurden, und in der kleinen Stadt Steinau im Main-Kinzig-Kreis halt. Doch das größte "Museum" steht in Japan: Auf der Insel Hokaido lässt der Erlebnispark "Brüder Grimm-Glückskönigreich" die Fantasie-Welt mit Prinzessinnen, Hexen und Zwergen aufleben. Die Märchen sind in Ostasien so populär, dass japanische Fernsehteams jedes Jahr an den authentischen Aufenthaltsorten von Jakob und Wilhelm Grimm drehen.

Die Prüderie der Japaner ein Grund für die Beliebtheit?

Das große Interesse der Japaner an den Brüdern Grimm versucht der japanische Germanist Isamitsu Murayama unter anderem mit den "dunklen Seiten" in den Märchen zu erklären. Die scheinbar harmlosen Geschichten hätten grausame und erotische Momente, sagt der Wissenschafter, der an seiner Doktorarbeit zur Poesieauffassung der Brüder Grimm sitzt. "In Japan herrscht immer noch eine große Prüderie", meint er. Deshalb sei das Interesse an den Märchen, in denen viele sexuelle Anspielungen steckten, umso größer.

Oder historische Vermittlung der "deutschen Romantik"

Der Kasseler Museumsleiter Lauer sieht die Liebe zu den Volksmärchen historisch begründet. Als sich Japan 1867 öffnete, habe es sich vor allem an Deutschland als wichtigster Macht in Europa orientiert. Die deutsche Romantik sei dann mit den Volksmärchen in Japan vermittelt worden. (APA/dpa)

Share if you care.