Knabenchöre brauchen Mädchenstimmen

25. Februar 2002, 09:37
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Phoniatrie-Experte: "Die Wiener Sängerknaben denken schon darüber nach, Mädchen aufzunehmen"

Leipzig - Knabenchöre werden nach Ansicht von Prof. Friedrich Frank künftig nicht mehr ohne weibliche Stimmen auskommen. "Es ist möglich, dass sie durch Mädchenstimmen ergänzt werden müssen", sagte der Wiener emeritierte Phoniatrie-Professor am Freitag am Rande des Leipziger Phoniatrie-Symposiums. Die Zahl der reinen Knabenchöre werde abnehmen, meinte der Wissenschafter, der als Stimmarzt jahrelang die Wiener Sängerknaben betreute. Die Mädchen könnten die in internationalen Knabenchören wachsende Disbalance zwischen Knaben- und jungen Männerstimmen ausgleichen.

"Die Wiener Sängerknaben denken schon darüber nach, Mädchen aufzunehmen", sagte Franke. Zudem sei an der Wiener Oper eine Opernsingschule für Knaben und Mädchen gegründet worden, die in Aufführungen die bisher mit Sängerknaben besetzten Parts übernehmen sollen. Die Anzahl der Knabenstimmen verringere sich vor allem durch den immer früher einsetzenden Stimmwechsel der Buben. "Seit einigen Jahren stagniert dieser Trend wieder", sagte Franke. Versuche, die männlichen Altus-Stimmen zum Ausfüllen der Lücke zu nutzen, sind für Franke keine Alternative. "Dafür sehe ich keine absolute Notwendigkeit."

Ein weiterer Grund für diese Entwicklung ist die Tatsache, dass die großen Knabenchöre Nachwuchsprobleme haben. "Die Kinder wachsen heute nicht mehr so musikalisch auf wie früher", beklagte Franke. "Kinder wachsen eben nicht mehr mit Bach und Händel auf", bedauerte Franke und mahnte, der Musik "vom Kindergarten bis zum Gymnasium" mehr Raum zu geben. "Pädagogen und Eltern sollten musikalische Tätigkeit sowohl instrumental als auch vokal fördern." Musikalische Früherziehung müsse zur Pflicht werden, die musikalische Beschäftigung in der Familie ein Bedürfnis. Kindern müsse die Freude am Singen nahe gebracht werden. Nur noch wenige Mütter würden ihren Säuglingen noch Kinderlieder vorsingen. (APA)

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